Erste Vorlesung. 29
Daß die Beredsamkeit eine sehr schätzbare Kunstsey, würdig von Euch mit möglichstem Fleißgetrieben zu werden , bedarf Hoffentlich keinesBeweises. Die Geschichte, die ihr täglich lesenkönnt/ und die Schriften der alten Redner/ dieihr billig bewundert/ enthalten häufige Lobsprücheund Beyspiele von der Würde und Macht derBeredsamkeit. Selbst bey den wildesten Völkern/die von den schönen Künsten und Wissenschaftenwenig oder gar nichts wissen / findet man dennochSpuren von dem Einfluß der Beredsamkeit/ soroh und unvollkommen sie auch bey ihnen seynmag r Und unter jenen glücklicheren Himmels-strichen / wo man die Vernunft mehr angebaut /und sich das Licht der Wissenschaften und Künstemehr ausgebreitet hat / behielt doch die Bered,samkeit immer ihren Werth ; so wie jene zu-nahmen / blühte auch diese in gleichen! Verhält-nisse. Haben gleich die höhcrn Wissenschaften aucheinen höher» Werth; hat es gleich mehr auf sich /Wahrheiten zu erfinden / als / wenn sie erfundensind/ sie andern nur mitzutheilen; tief und rich-tig zn denken/ als schön zu reden : So ist dochdieses letztere nicht weniger nützlich. Denn wennman aus jenen auch nur einigen Vortheil ziehenwill / so wird dieses nothwendig dazu erfordert.Oder/ was nützt uns die Entdeckung der Wahr-heit/ wenn wir sie andern nicht mittheilen kön-nen?