Üo8 Von der Erfahrung.
wohnheit, hat schon Aristoteles m dem zweitenBuche seiner Rhetorik gezeiget, sie ist aber auchwirklich- Eine adeliche Dame vvm ersten Rangein der Schweiz sagte mir in ihrem neun undsiebenzigsten Jahre, sie sey bis in ihr fünf undzwanzigstes Jahr unendlich zärtlich und gefühl-voll gewesen. Von dem fünf und zwanzigstenbis in das sechs und zwanzigste Jahr sey sie ineine entsezliche Melancolie versunken, davon siedurch viele dasselbe Jahr hindurch gebrauchteArzneyen geheilet worden. Aber von dieser Zeitan sey ihr Gemüth nicht nur bey den gröftcn Un-glüksfällen gelassen geblieben, sondern sie habeauch zugleich die körperliche Fähigkeit verloren ei-ne Zähre zu vergießen. Diese Dame, die ich ei-nige Monate nacheinander sehr oft und sehr genaugesehen, war übrigens noch so munter und freu-dig als eine Jungfer von zwanzig Jahren.
So wie es nun Falle giebt in welchen Krank-heiten die Empfindlichkeit des Temperamentes ver-mindern , so giebt es auch Falle in welchen Krank-heiten diese EmpfindNchkm vermehren. Bald wir-ken