53
verhehlte mit Absicht, daß er Schriftsteller sei,wagte dann aber auch seinerseits nicht zu erfor-schen, woher das Gerücht von Mathildens Ver-lobung sich gebildet. Wenn gleich einem auf-merksamen Beobachter nicht entgehen mochte, daßWalbergs Gesinnung für jene sich gleich ge-blieben, so leuchtete doch aus dem Benehmendesselben mehr Schwermuth als Frohsinn, mehrinnige treue Anhänglichkeit als beglückte Neigunghervor, und weshalb auch ein Bündnis) geheimhalten, welches auf alle Weise für wohl begründethatte gelten müssen. Die Unruhe, welche Ster-neck in dieser Beziehung empfand, konnte nuraus der unablässigen Hinneigung entspringen,seine Gedanken mit Mathilden zu beschäftigen,wobei er, wenigstens in solcher Rücksicht, einechter Poet, alle Lebensbilder in der Wechselfolgevon Freude und Leid an seinem Innern vorüberziehen ließ. —>
Am erwähnten Tage dem Professor, derim Ausgehen begriffen, aus der Haustreppe be-gegnend, siel etwas Ungewöhnliches im Aussehendesselben aus. Durch eine blendend weiße WesteAufmerksamkeit erregend, den Hut mehr wie jerückswärts geschoben und mit eilfertiger Würdefast nur die Augen zum Gruß bewegend, gingjener rasch an Sterneck vorüber, Unverständlichesvor sich hin murmelnd. Lächelnd betrat dieserdas Haus, fand jedoch zu seinem nicht geringenSchrecken das Wohnzimmer leer. Auf sein Be-fragen ward er in Mathildens Namen ersucht,verweilen zu wollen, bis es ihr möglich seinwerde, zu erscheinen.
An einen Tisch sich setzend, löste er die ver-hängnißvollen Siegeldes bewußtenPackets, einBlatt nach dem andern fiel ihm entgegen, undmit schnelleren: Herzpochen flüchtig aufseufzend,nahm er das letzte, welches ihn: in den Händengeblieben.
Dies Blatt enthielt eine getstreiche Beurthei-lung seiner Novelle, welche mit ruhiger KälteLob und Tadel ertheilte, worin aber eben der ge-ringe Grad der Wärme selbst die Billigung we-niger schmeichelhaft erscheinen ließ. In etwasverstimmt, eine zweite Recension erfassend, fander darin mit einer Ironie sich getadelt, derenUnhöflichkeit ihn: alles Blut in die Wangen trieb,er sah sich darin von der Kunst ab, und aus dieNatur angewiesen, deren Auffassung ihm besserzu gelingen scheine. Jetzt auf Alles gefaßt, ab-gehärtet, wie er meinte, las er weiter und weiter,ab und an billigende Anerkennung, nicht aber denBeifall findend, welcher ihm nur Gerechtigkeitzu sein schien. Jede Fehlschlagung seiner Pläne,mancher unerreichte Wunsch, viel getäuschte Er-wartung traten vor seine Seele, und das sorgen-volle Haupt stützend, murmelte er leise: „Glück-
lich, wer die ruhig abgemessene Bahn seines Le-bens fortgeht, ohne von der Gunst der Weltviel zu erwarten, glücklich, wer seine ganze Ver-gangenheit sich zurückrufen kann, ohne Ueber-druß an: Leber: zu empfinden."
Einzelne Thränen drangen aus seinen Augen,da legte eine Hand sich sanft auf seinen Arm undeine süße schmelzende Stimme fragte: „Wasfehlt Ihnen?" —
Er blickte auf, mit sichtlich verweinten Augenvoll Thränen sah Mathilde mild zu ihm niederund in der Eingebung des Augenblicks, dieseThränen auf sich beziehend, und sie sanft um-fassend, entgegnete er leise: „das Glück!" Sieverbarg das Antlitz in ihr Tuch, und schonendseinen: sie umfassenden Arm sich entziehend, nahmsie ihren Platz ihm gegenüber. Beide schwiegen,endlich trocknete Mathilde ihre Thränen und in:Aufblicken die noch ausgebreiteten Recensionengewahrend, zuckten ihre Lippen im unwillkür-lichen Lächeln: „Deshalb?" rief sie lebhaft, „ichdachte an viel Ernsteres! "
. Sein Blick verdüsterte sich: „Deshalb nichtallein, aber Sie wußten? — und verschwiegenes mir?" fragte er vorwurfsvoll. —-
„Ich wartete auf Ihr Vertrauen", entgegnetesie schelmisch.
Er lächelte jetzt gleichfalls: „Das war eine un-billige Voraussetzung, denn da Sie wissen, undvielleicht weiß es Niemand so gut als Sie, wievortrefflich die Meinung ist, welche ich immervon mir gehegt, so ließ sich kaum annehmen,ich werde Sie in die Bekümmernisse meinesAntorlebens einweihen. Wollen Sie indessenwissen, wie wenig Beifall mir bis daher gewor-den, so lesen Sie diese Blätter."
Ihr theilnehmender Blick traf ihn tief undinnig: „Was ist an: Ende", entgegnete sie herz-lich, „am Beifall der Recensenten gelegen, kön-nen Ihre Dichtungen nicht Hunderten Freudegewähren, welche das Gme ohne kritischen Rück-blick genießen?" —-
Ein unendlich geistreicher Ausdruck gutmü-thiger Ironie flog über seine Züge, seine Handerfaßte über den Tisch hin die ihrige: „SüßeTrösterin!" sagte er leise, und fügte dann innighinzu: „Aber Sie, Mathilde, Sie haben ge-weint, darf ich die Ursache wissen? Denn daßmein Autorkummer diese Thränen nicht hervor-rief, begreife ich jetzt wohl."
Sie erröthete, Zähren entstürzten ihrenAugen auf's Neue: „Sie werden mich tadeln —ich verdiene es auch, dennoch aber vermag ichaugenblicklich die tiefe Traurigkeit meines Her-zens nicht zu besiegen. Mein Vater — o Ster-neck, eben jetzt wirbt er um Fräulein v. Neu-
manns Hand; welche seltsame Verbindung! undich — ich liebte meine Mutter so sehr!"
Bevor sie ausgeredet, stand Sterneck ihr zurSeite und sich zu ihr niederbeugend, sagte erlebhaft: „Wenn dem so ist, dann wähle Direine andere Heimath, suche und finde sie an demHerzen, welches Dich ewig lieb und theuer hal-ten wird. Mathilde, meine Mathilde, hast Duje aufgehört, im Herzen mein zu sein?" —
Die Thränen erstarrten ihr im Auge, sieblickte ihn, der neben ihren Sessel hinkniete, mitseelenvoller Liebe an und mit Scheu und zu-gleich rührender Freude ihn umfassend, flüstertesie leise: „Liebst Du mich wirklich? — O Fried-rich , ich war nichts als ein verwöhntes Kind,aber ich liebte Dich immer, so herzlich, so treu!und bin durch das Leid um Dich durch dieSchule des Lebens gegangen. Kannst DuAlles vergeben und wirst mir es niemals ge-denken?" —
Rührung überwältigte ihn: „ Sprich nichtvon Vergebung, oder laß uns beide davon reden,um im Gefühl gegenseitiger Schuld uns nur umso herzlicher zu versöhnen."
„ Wir waren einmal für einander bestimmt,als ich Dich hier wiedersah, wußte ich, daßes so kommen werde. Hast Du Dir je ein an-deres Ende gedacht?" —
Diese rührende Zuversicht bewegte ihn, erhätte beistimmen mögen, begnügte sich indessenzu erwiedern, er habe immer gehofft, noch glück-lich zu werden.
Sie verstand ihn wohl: „So konntest Dudenken, daß ich einen: Andern angehören, daßDu" — sie lehnte das Köpfchen an sein Haupt,und ihre Thränen benetzten seine Wange: „O,wüßte ich nur einen Winkel der Erde, wo wirin Frieden leben könnten, nur in Frieden, nachso viel Unfrieden! Wenn Du Schriftstellerbleibst, wie willst Du es tragen, nie werde iches tragen. Dich traurig und verstimmt zusehen?" —
Sich von: Boden, wo er noch kniete, erhe-bend, nahn: Sterneck seinen Platz neben ihr, undsagte heiter: „Rechnest Du für Nichts, daß ichdas Glück gefunden, Dich! — Durch keine be-engende Fessel gebunden, wollen wir an einenunmuthigen Punkt der Erde uns 'ansiedeln unddiesen gemeinsam wählen. Ein lieblich um-ranktes Häuschen, an einen: schönen Wasser-spiegel belegen, wo möglich mit einer Fernsichtauf pitoreske Gebirgszüge, soll uns aufnehmen;dort will ich mit völliger Geistesfreiheit, mitFrieden im Herzen, dem einmal gewählten Be-rufe leben. Wo meine Phantasie nicht aus-reicht, mögen Kenntnisse mir aushelfen, nurder Unbegabte darf und muß an: Erfolg ver-