Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
144
JPEG-Download
 

135

und auch Gefühl seiner Schwache und seinesHungers. Suchend schweifte sein Auge umher,und er bückte sich nieder, die Waldbeeren, diespärlich hier und da standen, zu pflücken, und erging zum nahen Waldbach, schöpfte Wasser inder hohlen Hand und trank, er brach von einemBaume einen Ast und entblößte ihn von denkleineren Zweigen, um ihn als Stütze für seine" wankenden Füße zu benutzen. Dann ging erweiter und hinter der nächsten Felsenecke war erverschwunden.

Venedig in alter Zeit.

Von L. Mühlbach.

III.

An einer kleinen Hinterpforte des PalastesMoro, des Privatpalastes von Johann Moro,dem Dogen, lag eine kleine, wie es schien sorg-sam in den Schatten des Palastes geführte Gon-del. Ruhig und in sorgloser Gemächlichkeitlehnte Beppo der Gondoliere auf seinem Ruder,und blickte unverwandt nach der Pforte, durch diesein Herr kommen mußte. Da rauschte es leiseim Wasser, und umblickend gewahrte Beppo einekleine Gondel, die grade auf ihn zuzusteuernschien.

„vritto, ckritto," rief er laut, fürchtend, dernahende Gondoliere habe sein Fahrzeug nicht be-merkt.

„Dr Iw veckuto, Leppo," erwiederte derGondoliere.

Beppo entsank vor Erstaunen das Ruder:„St. Marco," rief er laut, „Giuliano, Du bistes, wo kommst Du her? Wie entkamst Du demTeufel von Bravo."

Giuliano war indeß dicht zu ihm heran ge-fahren, und sein Ruder quer über die beidenso vereinten Gondeln legend, sagte er leise: tüorpolli dacco, schreist Du doch, als ob der Löwe vonSt. Marcus auf der Piacetta Dich hören sollte."

„ Aber sag, woher kommst Du?" fragteBeppo leiser.

Giuliano hustete verlegen. „Es ist heuteeine kalte Nacht," sagte er, scheinbar die Fragedes Andern überhörend, „und ich glaube Tony,Deine Liebste, wird Sehnsucht nach Dir haben.Ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht ihreGestalt erkannte in der Betenden, die von derFoscari Seite vor dem 6roce äslla Narig, lag.Beppo, sie betete um Deine Heimkehr. Dasarme Ding ist jung und heiß, so gehe heim, ichwill heute Deine Stelle vertreten."

Beppo rollte den Tabak in seinem Mundeheftig hin und her, und schien unschlüssig. Plötz-lich aber, mit Gewalt sich überwindend, spie er den

Tabak aus und sagte anscheinend ruhig: „DieLiebste eines Gondolieres muß Geduld lernen.Tony kann warten, bis ich komme."

„ Bis Cornaro, dein Herr, von seiner Lieb-sten, der Dogessa, Abschied genommen, wolltestDu sagen," ergänzte der Andere.

„Jetzt schreist Du, als ob die geheimnißvollendrei Männer, Samt« Maria bewahre mich vorihnen, Dich hören sollten. Uebrigens kümmereich mich nicht um die Geheimnisse meines Herrn,und weiß nicht, welches Geschäft ihn hierhergeführt."

„Wohl kein anderes," erwiederte Giuliano,„ als was einst der Dogessa Helene Balbi's Lieb-sten in Abwesenheit des Dogen in den Palast rief.Du kennst doch die Geschichte?"

„Nicht genau, Giuliano, aber Du, Du hastunsere Sagen gut gelernt. Komm, ^erzähle mirdie Geschichte von Helene Valbi."

Giuliano stieg von seiner Gondel in die seinesCameraden, und sich neben ihm auf den: Schna-belende des Fahrzeugs niederlassend, sagte er:„Nun ja, sie war die Dogessa, die Gemahlindes Dogen Marino Faliero."

„Marin» Faliero," wiederholte der Andre,„war das nicht der Doge, der auf der großenNiesentreppe ermordet ward, und dessen Sargaußen an der Kirche St. Giovanni und Paoloeingemauert ist?"

„Ganz richtig, und Helenens Liebster trug dieSchuld an diesem Mord. Die Sache war — "

Plötzlich verstummte Giuliano, denn er ge-wahrte eine dunkle in einen Mantel gehüllte Ge-stalt, die, ohne daß er ihr Nahen bemerkt, aufdem schmalen Damme, der an dieser Seite desPalastes Balbi eine Art Straße bildete, neben derkleinen Pforte des Palastes lehnte, und er wußtenun, daß man ihn beobachte.

„Die Sache ist zu lang," sagte er plötzlichkleinlaut.

„Aber warum?" fragte Beppo. „Wir ha-ben ja Zeit, erzähle."

„Ich dächte, Du hättest keine Zeit, Beppo,und ich wiederhole Dir, kehre heim zu DeinerTony, ich werde Deine Stelle vertreten."

„ Das wirst Du nicht," entgegnen Beppofest-

„Ich bitte Dich darum, Beppo."

„Und läge Tony, meine Liebste, daheim imSterben und seufzte nach mir, ich würde nichtgehen; denn ich habe meinen: Herrn Treue gelobt,er zählt auf mich, — kein Gondoliere bricht seinWort. Du solltest das wissen, Giulio."

„Wohlweiß ich es," erwiederte dieser mitschwankender Stimme, „und doch bitte ich Dich,Beppo, laß mir Deine Stelle."

„Nimmermehr!" rief Beppo heftig.

„Dein Leben hängt davon ab, ich bitte Dich."

„Gedenke Deines Eides!" rief plötzlich einedumpfe Stimme, und die verhüllte Gestalt tratnäher an den Rand des Dammes.

Giuliano seufzte tief, und fuhr mit derHand unter seinen Mantel. „Ich bitte Dich, ichbeschwöre Dich, Beppo," sagte er dringend,„gehe nach Hause."

„Elender Knabe, was willst Du," schrie derendlich aufgebrachte Gondoliere, und packte hef-tig Giuliano's Arm. „ Ich gehe nicht, und willnichts wissen von Dir."

„Gedenke Deines Eides!" wiederholte derVerhüllte."

Ein tiefes Stöhnen rang sich aus Giuliano'sBrust hervor. „ Nun so nimm es hin," sagteer schmerzvoll und senkte den Dolch in BepposBrust. Mit einem Aechzen sank dieser zu-sammen.

Der Verhüllte aber stieg schnell in die Gon-del, in der Giuliano gekommen. „Ueber Bordmit ihm!" sagte er leise und ruhig.

Schweigend gehorchte Giuliano, und rasdumpfe Plätschern im Wasser verkündete demAndern, daß sein Befehl vollführt. Giulianoaber neigte sich über den Bord der Gondel, auf-merksam horchend, ob er nicht vielleicht aus demWasser her irgend eine Bewegung, einen Lautdes Hinabgestürzten hören würde. Alles bliebstill, und Giuliano trocknete sich leise die Thrä-nen aus den Augen, und murmelte: „Ich habeihn sehr geliebt!"

„Laß das alberne Gewinsel," unterbrach ihnder Andre. „ Du wirst Deine Arbeit schon nochgewohnt werden. Jetzt habe Acht auf DeinenDienst. Cornaro wird bald kommen, ich führeDeine Gondel heim. ^<1äio, klmieo!" —

Kaun: war der Bravo mit der Gondel ver-schwunden, als ein Jüngling in der klemm Pforteerschien.

^ „Beppo, Beppo!" rief er leise.

„Lccoci, Signor," antworte Giuliano, undnäherte sich mit seiner Gondel dem Damme.

Cornaro sprang hinein, 6or-

nuro!" befahl er, und lehnte sich gemächlich indie seidenen Polster zurück. — Bald vernahmman nur in der Ferne den leisen Nuderschlag desenteilenden Fahrzeugs. —

Es war am folgenden Abende der so ebenmitgetheilten Begebenheit, als die prächtige Gon-del des Dogen Johann Moro vor der Haupt-pforte seines Palastes lag. Bald öffnete sichdiese, und mit seiner Gemahlin, der schönenMarina und - deren Gefolge erschien der Doge,stieg mit ihr die Stufen hinab und in dieGondel.