Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
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158
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Zustandes nothwendig begründet war, verbreitetesich von den höhen: Classen, wie alle übrigenSitten und Gebräuche, über alle Stande, näm-lich eine strenge Beobachtung des äußern An-standes im öffentlichen Umgänge beider Geschlech-ter und die größte Zügellosigkeit in allen gehei-men Verbindungen, die bald die Seele des gan-zen gesellschaftlichen Lebens ausmachten. Eshatte sich unter Ludwig dem Fünfzehnten ein Da-sein gebildet, dem Wesen nach dem des altenRoms in der Zeit seiner Entartung nicht unähn-lich, nur einigermaßen durch den nie ganz zu ver-tilgenden Einfluß des Christenthums und die ger-manischen Traditionen, die sich aus den: Mittel-alter her, obgleich sehr geschwächt, der Ehre, derTreue und Liebe, erhalten, vor einer gänzlichenAuflösung bewahrt. Was diesen: Zustande dendes Alterthums zur Zeit seines Verfalles ähnlichmachte, war die durchgängige Herrschaft derForm über den Inhalt und ein fast allgemeinerMangel an Jugend, Frische, Innigkeit, kurz derGeruch des herannahenden Todes, den wie da-mals die Völkerwanderung, hier die Revolution,brachte. Die politische Verfassung des Landes,die sonst den welken Körper so numcher sinkendenNationalität aufhält, war hier in Uebereinstim-mung mit den: innern Zustande, den: Geiste derEinzelnen, den Sitten und der Denkart der Ge-sellschaft, daher der unabwendbare Verfall. —Die Mpolution hat nun, ohne alle Frage, dieSitten der Vornehmen in sehr vieler Beziehungreformirt, aber jene Mißbräuche, die wir obenerwähnten, sind jetzt ein Gemeingut der mittler::und selbst der niedern Classen, besonders derStände, die nicht in Beziehung auf Vermögen,wohl aber in Herkunft und Erziehung, zu letzter::gezählt werden müssen, geworden. Man machtsich von: jetzigen moralischen Zustande Frank-reichs in: Vergleiche zur Zeit vor der Revolutionvon 1789 in: Auslande oft eine unrichtige Vor-stellung, die von den Franzosen selbst, die jeneUmwälzung als eine Art von Taufe darstellen,durch welche die Sünden des frühern Lebens ab-gewaschen worden, verbreitet wird. Die politi-sche Organisation ist gänzlich verändert und Alles,was mit ihr in Verbindung stand, aber der Cha-rakter der Nation und ihre Sitten, in: morali-schen Sinne des Worts, sind dieselben gebliebenoder nur wenig verwandelt worden. Jetzt aberbesteht eine, ihrer einzelnen Mängel ungeachtet,auf die Vernunft und nicht einzig auf historischeTraditionen gebaute Verfassung in Frankreich,die so wenig wie irgend eine andre im Standeist, die schlechten Sitten eines Volkes zu refor-miren, da hierzu die Intelligenz nicht ausreicht,sondern das Gemüth, der Glaube und die Liebeverlangt wird, die aber zu stark ist, um der in-

dividuellen Verdorbenheit zu erliegen, währenddie alte Monarchie eben so hohl und faul wiedas besondere Leben der Nation selbst gewordenwar. Dies macht den großen Unterschied zwi-schen den: alten und neuen Frankreich aus undgiebt uns die Ueberzeugung, daß eine ähnlicheUmwälzung wie die von 1789 hier unmöglichist, nicht daß die schlechten Sitten der Mehrheitdes französischen Volkes nicht eine ähnliche Ka-tastrophe hervorbringen könnten, denn diese ha-ben allerdings an intensiver Verdorbenheit da-durch verloren, daß sie nicht mehr das Eigen-thun: einzelner Classen sind, an extensiver aberdadurch gewonnen, daß sie die Masse des Volkesdurchdrungen haben, in welchen: es vor 1789mehr Treue, mehr Ehrlichkeit, Religion, kurzmehr und wir glauben unendlich mehr Morali-tät als jetzt gab, aber Frankreich besitzt jetzt einepolitische Verfassung, die vorzüglich dadurch oftso wirkungslos und abstract erscheint, daß siehoch über dem individuellen Zustande des Volkessteht, die aber, da die Freiheit ihre Seele aus-macht, damit endigen wird, die Nation zu sichhinaufzuziehen. Der Widerspruch, der zwischender hiesigen idealen Gesetzgebung und den: Bil-dungsstande des Volkes besteht, ist eben so großals wie der zwischen der Verfeinerung der hohenund der Rohheit der niedern Classen, so wieaber letztere, ohne daß sie sich dessen bewußt sind,erster:: nachahmen, eben so wird einst die Massedie politischen Ideen, denen sie sich bis jetzt nurinstinctartig ergab, mit lebendiger Ueberzeugungergreifen. Von diesen: Moment, dem, wo einewahre Civilisation beginnt, ist sie freilich nochunendlich weit entfernt, weiter selbst als mancheandere nationale Individualitäten, vor denenüber den magischen Spiegel, der die Vernunft-theorien der französischen Verfassung enthält,ein dichter Schleier gezogen ist, der die unauf-haltsame Bewegung der in ihn: sich regendenZauberbilder den Augen verhüllt. Bis: jetzt hatder aus der Revolution von 1789 hervorgegan-gen Zustand eine Wirkung gehabt, die seineUrheber nicht erwarten mochten, er hat die Sitt-lichkeit der höhern Classen gehoben, indem er,ihre Privilegien vernichtend, sie auf sich selbstund den Gebrauch ihrer Kraft verwies und hatdas Volk durch eine zu gewaltsame und plötzlicheEmancipation mit berauschender Eitelkeit undtrotzigen: Uebermuthe erfüllt. Daraus ist diegroße Wahrheit, die man selbst hier zu fühlenanfängt, hervorgegangen, daß die Freiheit nichtvon der Sittlichkeit getrennt werden darf und daßes ein Unglück ist, wenn erstere durch Mittelerworben wird, welche letztere verletzen. Wirsind jedoch der festen Meinung, daß aus den:Genusse und der Gewohnheit der Freiheit allmä-

lig eine höhere Sittlichkeit in dem französischenVolke aufblühen und daß die niedern Classendesselben dann eben so tief von ihren Pflichtendurchdrungen sein werden, als sie jetzt scharf undeinseitig ihre Rechte fühlen. Aber diese Zeit istnoch fern. Bis jetzt leidet das innere und mo-ralische Leber: der Nation und besonders das deruntern Stände an den: giftigen Keime, den dieZeiten Ludwig des Vierzehnten und Fünfzehntenin seinen Boden gesenkt und der unter den Ge-wittern der Revolution, ihrer schwülen Hitzeund ihren wilden Regengüssen, zu einer üppigenPflanze aufgewachsen ist, die noch lange die At-mosphäre verpesten wird.

Das charakteristische Verderben im LebenderVornehmen und Reicher: vor der Revolution be-stand vorzüglich in der Auflösung der Familien-bande und der Abwesenheit der Tugenden, dievor: diesen unzertrennlich sind und in der Herr-schaft, welche in allen Verhältnissen die Formenüber das Weser: ausübten. So sagt Montesquieuz. B. von Ludwig dem Vierzehnten: „U avoir

Iss korme8 äs Is. gremäsur, äs lg. äsvotivn" —

sehr richtig andeutend, daß dieser König eigent-lich weder groß noch fromm war, sondern nurden Schein davon an sich trug. Jene eigenthüm-lichen Mängel, die Schwäche des Familienlebensund die Neigung, die Schale für den Kern zugeben, Alles mit gewissen Phrasen und Wen-dungen abmachen zu wollen, die Kunst und der:Schein an die Stelle der Natur und der Wahr-heit zu setzen, kurz, in die ernstesten und schlich-testen Verhältnisse ein dramatisches Spiel derTäuschung, der List und Ueberraschung zu brin-gen, sind jetzt in den niedern Classen des fran-zösischen Volkes zu Hause, während im Leber:der Vornehmen allmälig eine größere Einfachheitund Natürlichkeit, oder wenigstens das Strebendarnach, herrschend wird. In der: untern Stän-den der pariser Bevölkerung ist die Jagd nachZerstreuung und Lustbarkeit und der unedelstenund das Innere des Menschen verheerendsten ammeisten — mit großer Rohheit ein besonders ganzeigenthümliches Raffinement verbunden — eineNothwendigkeit, wie sonst nirgends —> gewor-den. Jeder Arbeiter fühlt das Bedürfniß arrßerseinem Hause zu leben, und auch den leisester:Zwang abzuschütteln. Die Einrichtungen desLebens, die Art die Ehe zu schließen, die herr-schende Gesinnung, machen diese Entartung im-mer allgemeiner. Dazu kommt noch der beson-dere Umstand, daß die höhern Classen, die jetztim Ganzen bessere Sitten haben, keinen morali-schen Einfluß, keine freiwillig anerkannte Auto-rität auf die niedern ausüben. Es giebt inFrankreich eigentlich keine oder wenige Vergnü-gungen als solche, die künstlich bereitet sind und