Band 
1840, Januar-Juni.
Entstehung
Seite
264
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Als Ursachen dieser Erscheinung werden fol-gende Thatsachen angegeben. Die Zahl der ei-gentlichen Verzehrer im Innern ist zu gering.Die Städte in Rußland, mit Ausnahme eini-ger wenigen, waren fast stationair und das in-dustrielle Capital mehrte sich nur langsam, undweit nicht in gleichem Verhältnisse zu der Pro-duktion des Landbaues. Die Nachfrage nachden Produkten des Landbaues vermehrt sich da-her in den inneren Provinzen nicht in gleichemVerhältnisse zu dem vermehrten Angebote der-selben. Der Bauer, der durchaus keinen wei-teren Erwerbszweig hat, muß daher, sobalddie Zeit kommt, wo, er dem Herrn den Obrock,dem Staate die Steuern geben, und sich mitSalz und anderen Bedürfnissen, die er nichtselbst erzeugen kann, versehen muß, so vielGetreide, als er nur immer entbehren zu kön-nen glaubt, in die Stadt, als den einzigenMarkt dafür, bringen und es da, weil er essonst auf keine Weise verwerthen kann, um je-den Preis losschlagen. Für sich behält er nurso viel, als er zur äußersten Nothdurft braucht.

Unter solchen Umständen wird, schon beiganz gewöhnlichen Ernten, der Markt wegender geringen Anzahl der Consumenten, leichtüberführt, wo sich dann der Preis ungemeinniedrig stellt, und der Vorrath entweder vonSpekulanten aufgekauft und weiter geführt,oder, wegen seines wohlfeilen Preises, zurViehmast benutzt wird.

Ist nun die nächste Ernte wieder gut, sostellen sich die Sachen wieder eben so. Ist sieaber schlecht, so kann der ärmere Bauer, derim vorhergehenden Jahre nur den nothwendig-sten Bedarf zurückbehalten hatte, nur wenigauf den Markt bringen, und kann, weil er dochdie nothwendigsten Bedürfnisse, wegen Man-gels jedes anderen Erwerbszweiges, durch denVerkauf von Getreide decken muß, noch weni-ger Vorrath für sich behalten.

Hieraus wird erklärbar, wie eine einzigeMißernte, weil in den Händen der meistenLandleute aller Vorrath fehlt, die Preise desGetreides sofort hoch in die Höhe treiben,und eine zweite darauf folgende Mißernte denLandmann selbst in Mangel und Noth verse-tzen kann.

Zu Vermeidung dieser großen und nach-theiligen Schwankungen hat man im Jahre1826 , doch nur zeitweise, einen Versuch mitBildung von Magazinen gemacht, in welchenden Bauern das Getreide um etwas höherenPreis abgekauft wurde. Indessen ist dieserVersuch, obwohl er sich bewährt haben soll,aus nicht bekannt gewordenen Gründen, baldwieder aufgegeben worden.

Man hat eben so versucht, einen Theilder Landbewohner zum Uebergange in dieStädte zu bewegen, um dadurch die Zahlder Getreideconsumenten zu mehren. Manhat zu dem Ende die Ertheilung der Pässean Bauern, den Umzug derselben aus einemGouvernement in das andere, ihre Ansiede-lung in den Städten u. s. w., was alles frü-her mit großen Schwierigkeiten verbundenwar, .möglichst erleichtert; man hatte früherschon die Errichtung von Fabriken im Innerndes Reichs begünstiget. Aber alle diese Maß-regeln hatten sich als unzulänglich erwiesen.Die der Industrie zugestandenen Begünstigun-gen waren nicht groß genug, um fremde Capi-talien , fremde Talente, und fremde Bildungin das Land zu ziehen, und die Uebersiedelungder Bauern hatte ebenfalls keinen besonderenErfolg. Theils konnten sich die zugestandenenErleichterungen nur auf etwa H der Bauernerstrecken, weil die übrigen 2, auf Privat-gütern wohnend, weit zum größten Theile beidem Landbaue bleiben mußten, theils fehlte esan Intelligenz und Capital, um den Armen,welche die Bauern in die Städte bringen konn-ten, die erforderliche gewinnbringende Beschäf-tigung zu geben, theils endlich entstanden sogarBesorgnisse, es könne, da eigentliche Vorrathean Getreide in den inneren Provinzen des.Reichs, und unter den obwaltenden Verhält-nissen nicht vorhanden waren, die allzugroßeund plötzliche Verminderung der ackerbauendenClasse Nachtheile anderer Art herbeiführen.

Es hat sich weiter aus diesen Erörterungenergeben, daß, was allerdings auch sonst schonim Allgemeinen bekannt war, es im Innern desReichs an einem weiter verbreiteten kenntniß-reichen Mittelstände, und, was weniger be-kannt war, an Capitalien zu Gewerbsunter-nehmungen fehlte, und beides konnte, durcheine bloße Uebersiedelung eines Theils derLandbewohner in die Städte schwerlich erzieltwerden. Nur dann aber, nur mit Hülfe frem-der Capitale und fremder Intelligenz, durfteman hoffen, alle die eigenthümlichen Schwie-rigkeiten, welche dem Ackerbaue in den weiteninneren Provinzen des Reichs entgegenstehen,in kürzerer Zeit zu besiegen. Man mußte umso mehr darauf sehen, den Produkten desAckerbaues, bei der verringerten Ausfuhre,einen gesicherten Markt im Innern zu ver-schaffen, als außerdem, allen Umständen nach,zu befürchten schien, es werde Rußland nichtnur niemals zu einer Manufacturindustriegelangen, sondern zuletzt auch in seinenAgriculturalinteressen wesentlich benachthei-ligt werden.

Endlich erschweren in Rußland Klima undRäumlichkeit, der Mangel an vollkommnenCommunicationen und Canälen, und die großeEntfernung der inneren Provinzen von demMeere und den Seehandelsplätzen, den Trans-port auf mannigfache Weise; er wird theuerund kostspielig, und ist zu Zeiten wohl ganzunterbrochen. Manche dieser Hindernisse wer-den sich gar nicht, andere erst in langer Zeitund mit vielen Kosten beseitigen lassen; seineBevölkerung ist noch einer großen Vermehrungfähig, und diese Vermehrung der Bevölkerungwird, da es an Grund und Boden zur Erzie-lung der für ihren Unterhalt nöthigen Lebens-mittel nicht fehlen wird, auch noch lange hinzugleich eine Vermehrung der Stärke, derMacht und des Ansehens des russischen Reichssein. Die Belebung einer nationalen Industrieim Innern wird daher, weil sie die zeitherigengroßen Transportkosten der Manufacturwaa-ren erspart, dieselben mit der Zeit ungleichbilliger herzustellen vermögen, als man gegen-wärtig die fremden Manufacturwaaren ausso großer Entfernung her beziehen kann, unddem Landbau die Consumenten an Ort undStelle gewähren, die ihm fehlen.

Wirthschaftliche, räumliche, politische Ver-hältnisse und Verhältnisse der Cultur vereini-gen sich daher in dem eigenthümlichen Falle,in welchem es sich befindet, Rußland die Han-delspolitik anzuempfehlen, die es in neuererZeit angenommen hat.

Allerdings ist ste von unserer gar sehr ver-schieden; aber eben so verschieden sind auch dieVerhältnisse. Rußland muß um jeden Preiseinen gebildeten Mittelstand erschaffen, es mußfremde Intelligenz und fremde Capitalien ansich ziehen^, um zeitiger damit zu Stande zukommen , und mit ihrer Hülfe bald möglichsteine manufacturirende Bevölkerung in das Le-ben zu rufen, welche, die Produkte des Land-baues verzehrend und verarbeitend, mit derClasse der Ackerbauer in jene für beide so wohl-thätige Wechselwirkung tritt, auf der die Blü-the, das Wohl, und die Unabhängigkeit derStaaten beruhen.

Um diesen Zweck zu erreichen, muß esfreilich andere Grundsätze befolgen, als diesind, welche den deutschen Zollverein leiten,der sich schon in dem Besitze dieses Vortheilsbefindet. Aber, wie verschieden sie auch vonden unsrigen sein mögen, sie sind dessenunge-achtet nicht nur nicht verwerflich, sondern er-scheinen, von dem russischen Standpunkte aus,der allein hier entscheiden kann, vollkommengerechtfertiget, wenn sie auch uns nachtheiligsein mögen.