Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
Seite
429
JPEG-Download
 

403

der Verzweifelte, Todesmuthige! und er gingnach Italien! Nicht aber um Italiens Himmelaufzusuchen, seine Olivenhaine, seine Wälder,seine rauschenden Flüsse, seine Myrten undOrangen, seine Ruinen und erhabenen Erin-nerungen, sondern um von dem glühenden Le-ben den kalten Tod sich zu erbetteln. — Under stürzte sich in Vergnügungen und üppigeFreuden! Er mied den Schlaf und die Ruhe,er setzte den vollen Becher der Lust an seinewelken widerstrebenden Lippen, um auf seinemGrunde das Gift zu finden, das ihn todte!Und mit wahnsinniger Ruhe fragte er sich nachdurchschwelgten, ruhelosen Nächten und Ta-gen: „Sterbe ich noch nicht?" —> Trinker,Spieler, wüste Mädchen waren seine Freunde,sie sollten ihm helfen den Tod zu suchen, denTod auf dem Krankenlager, den Tod desSiech-thums!

V.

Vivat Edoardo! Fortunens Liebling, derFrauen Abgott, er lebe hoch! Die Champag-nerpropfen flogen und aus schäumenden Poka-len tranken die Freunde im wilden Gelage desreichen Edwards Gesundheit! — Sein blei-ches Gesicht verzog sich zu einem schmerzvol-len Lächeln, und er schüttelte schweigend dasHaupt. — Laßt uns ein Lied singen auf Edo-ardo, den reichen Edoardo! riefen die vomWein und der Lust Trunkenen, und die schö-nen, üppigen, mit Myrten bekränzten Mäd-chen kreischten dazwischen: ein Lied, ja einLied! — Nicht singen, nicht singen! befahlNanina, das schöne Frauenbild an EdwardsSeite. Seht Evoardo's trübe Augen, seineeingefallenen Wangen! Es ist die achte Nacht,die er bei Schwelgen und Trinken, die er amSpieltisch verbringt, die achte Nacht, in derer den Schlaf und sein Lager geflohen! Gehetheim, schon tagt der Morgen herauf, laßt unsschlummern! — Nein, nicht schlummern, riefEdward heftig, und erhob sich vom Sessel, dasvolle Becherglas in der Rechten. Laßt unstrinken, laßt uns singen! — Und aus Naninasschwarzem Haar lösete er den vollen Kranz vonWeinlaub und Myrten, um ihn sich mit wil-dem Lachen auf die Schläfe zu drücken. Sehtmich an, Freunde, mich, der ich seit acht Ta-gen dem Schlummer entflohn, bin ich nicht derMunterste, der Gesprächigste unter Euch Al-len? Gleiche ich mit meinem üppigen Kranzenicht dem Gott der Freude, oder seinem Ge-spensie! —Nimm Deine Laute, Nanina, ichwill ein Lied Euch singen, ein schönes Lied! —-Nanina gehorchte und Edward sang :

Ergreift die Gläser und stoßet an,

Hoch lebe der Wein und die Freude,

Nur wer nicht singen und trinken kann,

Verfällt unrettbar dem Leide!

Dem Spiele bring ich dies erste Glas,

Es fülle mit Gold uns den Beutel!

Lob bringet Fortuna im feurigen Naß,

Denn alles Andre ist eitel!

Nun leert das Glas, der Liebe zum Gruß,

Der Weiber Mund soll uns laben,

Die Lieb' allein gewährt Himmelsgenuß,

Drum soll sie dereinst mich begraben!

Das dritte Glas hier, nun merket wohl auf.

Das gilt dem Gotte der Reben,

Der beflügelt des Lebens hinschleppenden Laus,

Der allein kann Vergessen uns geben!

Die Flasche ist leer, schnell füllt sie aufs Neu',Stoßt an mit fröhlichem Sänge,

Es lebe die Wahrheit, es lebe die Treu,

Hoch preist sie mit jubelndem Klänge!

Vor allem hoch lebe der Tod und das Grab,

Der Tod allein endet die Schmerzen!

Ha, dürft' ich, ich stürzte mich jubelnd hinab,

Dem Tode zu ruhen am Herzen!

Denn der Wein, er verdampft, und die Lieb' istnur Schall,

Und die Freude geht nie bis zum Ende,

Der Tod nur ist beständig im All',

Drum reich' ich ihm freudig die Hände!

Als Edward so sang, wurden seine Zügewilder und wilder, und über sein Gesicht flogein unheimliches, grinsendes Lächeln, seineAugen nahmen einen wahnsinnigen Ausdruckan, und als er jetzt das volle Glas hob, mitseinen Freunden anzuklingen, schauderten sie,und Niemand fühlte sich geneigt, seine verzweif-lungsvolle Lust zu theilen. — Zu Bett, zuBette, Edoardo, riefen sie durcheinander, buona,notte,Du mußt schlafen! — Wie von unheim-licher, grausiger Ahnung getrieben, erhobensich Alle, und taumelnd, murmelnd verließensie das Haus. Edward bemerkte es kaum, erwar zurück gesunken auf seinen Sessel und seineFinger umkrampften noch den Pokal, den seineLippen nicht berührt hatten, er starrte vor sichhin in die Leere und Weite, empfindungslos,sprachlos. Um ihn her Oede und Stille, diefast niedergebrannten Kronleuchter erhelltenmit düsterm Schein das Bild der Schwelgereiund wilder Lust im hohen trüben Saal. LeereFlaschen standen auf dem von Wein übergosse-nen Taseltuch, zerbrochene Gläser lagen aufder Erde umher neben zerrissenen Blumenkrän-zen, oder den Schönen entfallenen Schleifen,weiterhin der grüne Tisch mit Würfeln undKarten, und in einer Nische am Ende desSaals, gleichsam zum Hohn der Freude unddes Lurus um ihn her stand ein künstlich zu-sammengefügtes Gerippe, über dessen Häupten

mit goldenen Lettern in die Wand eingefügtwar: tu sei ia nun vita! e In vita e il miomorte! — Langsam wandte Edward nach je-ner Seite des Saals seine schweren überwach-ten Augen hin, vielleicht unbewußt, zufällig,vielleicht aus Jnstinct. Dann ließ er das Glaslos, legte die Finger an seinen Puls, undfragte leise und ruhig, doch klang es schauer-lich in der todten Stille um hin her: Sterbe ichnoch nicht? noch nicht?

VI.

Schwöre mir, daß Du mich liebst! fleheteEdward, der schöne bleiche Edward, zu Na-uina's Füßen liegend. Schwöre es mir, daßDu Alles, was iu Deinen Kräften steht, thunwillst mich glücklich zu machen!

Die glühende, schöne Italienerin neigte sichlächelnd hernieder zu dem Knienden, den siedoppelt heiß liebte um seiner seltsamen Ma-nieren und seines fremdartigen Wesens willen.

Edoardo, Du bist schön und ich liebe Dich!hauchte sie und legte zärtlich ihre Arme aufseine Schulter. Komm, stehe auf, komm inmeine Arme!

Nein, nein! nicht eher stehe ich auf, riefEdward heftiger, bis Du mein Flehen erhörst,bis Du geschworen hast.

Wunderlicher, seltsamer Mann, lächelteNanina, und spielte mit der Hand in den blon-den Locken des vor ihr Knienden. Was soll ichDir schwören?

Schwöre mir, daß Du thun willst, wasich von Dir, als zu meinem Glück nothwendig,fordern werde?

Nun ich schwöre! sagte Nanina, kommedenn in meine Arme!

Schwörst Du's bei der heiligen Jungfrau?

Ich schwöre es bei der heiligen Jungfrau!

Edward stand auf, als aber Nanina ihn inihre Arme schließen wollte, wehrte er sie zu-rück. Du hast geschworen, so höre mich an!

Er setzte sich nieder auf den Divan, undwinkte Nanina neben sich. Schweigend ge-horchte sie, denn eö war etwas in EdwardsMienen, das sie zittern machte und zum Ge-horchen geneigt.

Antworte mir, Nanina, sagte Edward jetzternst, ist es wahr, was man mir sagt, hastDu Deinen Gemahl gstödtet?

Er hatte mich verlassen und verrathen, er-wiederte sie stolz, eine Italienerin rächt ihreSchande und den Verrath.

Edwards Mienen erhellten sich freudig.Man sagt, Du habest auf so schlaue Weise ihngetödtet, daß die Gerichte Dich nicht strafenkonnten!