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Edward erbebte, als er den Brief empfing,denn er hatte die Handschrift seines Sachwal-ters erkannt, und mit hochklopfendem Herzenerbrach er das Siegel. —
Rasch überflog er den Inhalt, seine Be-wegung ward mächtiger, dunkle Röche über-flog seine eingefallenen Wangen, seine Augentraten aus ihren Höhlen, der Mund öffnetesich wie zu einem Schrei, er drückte das Papierkrampfhaft zusammen, und schrie: Ruft mirden Doctor, den Doctor!
Und als er gekommen, packte Edward mitder Kraft eines Gesunden des Doctors beideArme und schrie mit gellender Stimme: Doctor,macht mich wieder lebendig, macht mich ge-sund !
O, wenn ich könnte, seufzte der Arzt.
Ihr müßt, Ihr müßt es können! kreischteder Kranke, und auf das so eben empfangeneSchreiben schlagend , rief er: Seht hier, sehthier, mein Oheim ist gestorben, und hat michzum alleinigen Erben ernannt, ein Vermögenvon anderthalb Millionen ist mein. Doctor,ich bin wieder reich , ich muß leben! Doctor,das Viertel meines Vermögens ist Euer, wennIhr mir helft.
Schweigend schüttelte der Arzt das Haupt;Edward, mit letzter Kraft, stürzte empor vonseinem Lager und schauerlich war es anzusehen,diese bleiche abgezehrte verfallene Gestalt, dieseeingesunkenen, auffunkelnden Augen, dieseblauen Lippen, auf die der Tod schon seinSiegel gedrückt, und die mit ihrem letztenStammeln noch um Leben flehten.
Leben, ich will leben! schrie Edward, undschon begann der nahende Tod den Athem ausseiner Brust zu ziehen! Doctor, ich muß leben,ich bin wieder reich, Ellinor bedarf der Lebens-versicherung nicht, ich will leben.
Todesschluchzen unterbrach ihn, seine Kniewankten, er sank zurück: Doctor, Doctor, mur-melte er dann matt, helft mir. Ich sterbe umein Nichts, ich verliere mein Leben an einNichts. *
Seine Stimme ward leise und hohl, seinegemurmelten Worte wurden unverständlich,sein Athem ging rascher und rascher, — dannsetzte er ab — er schlug die Augen auf, undblickte wild umher — er murmelte: Ich willleben — ein schweres Aufathmen, und Alleswar vorüber! Der Doctor drückte dem Gestor-benen die Augen zu, und die Wärterin rafftezusammen, was an Geldeswerth zu ersehenwar. —
Bewegungen -es Geistes im heuti-gen Kunstleben.
Von H. P ü t t m a n n.
1. Wenn die Zeichen nicht trügen, so sehntsich unser Leben, seit Jahrhunderten von blut-saugenden Leichen entnervt, endlich nach einerkünstlerischen Gestaltung und freien Beweglich-keit; und nicht denkbar ist es, daß die Kunstin ihrer Allgemeinheit den Wink mißverstehensollte. Das Unentwickelte und Gespalt eneunsrer Zeit wiederholt sich zwar noch in ihr,und verhindert eine allgemeine Begünsti-gung des Kunstftrebens sowie eine vollkommenkünstlerische Durchdringung des Lebens, —indessen flammen schon jetzt vor dem Augedes Aufmerksamen die ersten Worte des neuenKunstevangeliums. Gelingt auch nur Weni-gen Weniges, und stumpft sich die neue Waffeden Streitern an den alten verrosteten Schil-den der Gegner zuweilen ab, so kommt diesdaher, weil man unmöglich in diesem Augen-blick verlangen kann, daß Alle die bunten Flit-ter der Mode mit Füßen treten, oder die be-quemen Schlafröcke der Gewohnheit plötzlichausziehen sollen, — weil die Modalitäten derIndividuen so unendlich verschieden gewordensind und man sich in den heutigen Transiti-onszuständen damit begnügen muß, den reinenMenschengeist in empfänglichen Individuen er-wacht und dem verneinenden Processe das Will-kürliche unterworfen zu sehen, um dem Ur-sprünglichen zum Recht zu verhelfen. —Wir haben Jahrtausende offen vor uns lie-gen und wissen, was gelungen, was mißlun-gen ist. Die Schwäche des Geschlechts ist unsNachkömmlingen nicht unbewußt wie den er-sten Kindern der Zeit; wir werden uns hüten,Titanen oder aufrührerische Engel zu spielen,d. h. wir werden den Gesetzen der Natur nichttollkühn widerstreben. Die Geschichte ist füruns keine Mörderin des freien Gedankens, wozusie morose Hypochondrie erniedrigen will, al-lein sie ist auch keine Stütze des menschlichenEgoismus. Die Cultur des Geistes hat sicherihre Grenze, die nicht überschritten werdendarf, aber wir glauben nicht, daß diese Grenzeschon völlig erreicht wurde; ist auch der Men-schengeist gleich dem Weltgeiste heute derselbewie vor Jahrtausenden.— die Erfahrung derVorzeit hilft ihm heute über eine Strecke We-ges schnell hinweg, wo unsre Väter mit Kin-derfüßchen ängstlich trippeln mußten. Wir se-hen das mögliche Ziel deutlich, das denGestorbenen in fernem Schimmer glänzte; dieletzter:: sahen wohl gar darüber hinaus, weilihnen die Parallele mit der Vergangenheit ver-
wehrt war. Nur in den Genien der Mensch-heit ersetzte zu jeder Zeit das naive Gefühlunser heutiges Bewußtsein, freilich mit demUnterschiede, daß ihnen die Resultate des Wah-ren im Traume einer unerklärbaren Erinne-rung zuflogen, während das Bewußtsein densteinigen Weg der Erfahrung oder der Ge-schichte hinter sich liegen hat.
Statt der im Allgemeinen unwiederbring-lich Verlornen Naivetät des einfachen pri-mitiven Weltzustandes müssen wir uns nunan dem Bewußtsein genügen lassen. DiePhantasie hat ihre ursprüngliche Frische undKindlichkeit verloren und bedarf bei ihrem öf-fentlichen Auftreten der Krücken der Re-flerion, ohne welche sie in's Nebelreich desUnverständlichen und Unmöglichen verschwin-den würde. Allein die heutige Reflerion ist zulebendiger Frische und Ungenirtheit erwachtund beleuchtet die schönen Seiten des Lebensmit der strahlenden Flamme der Intelligenz,während die Aufdeckung der wunden Stellenden Schwulst eines leeren Stolzes vertreibt.Dessenungeachtet könnte man glauben, das Be-wußtsein wäre für den Menschen untröstlich,weil es nothwendig manche beseligende Illu-sion zerstört; — aber dem ist nicht so: ausden zerstörten Illusionen erwächst die Hoffnungauf jenseitige Wahrheit, und zu dem wirddas unbestreitbar Wahre im Leben durch dasSelbstbewußsein immerfester erfaßt. Die schim-mernden Nebel verschwinden und die klarenGestirne treten am dunklen Himmel hervor. —
2. Da der Geist des Menschen ein untheil-bares Ganzes bildet, und die leiseste Erschütte-rung nicht blos an einer einzelnen Stelle in-fluiren kann, so ist es natürlich, daß unsreheutige Aufregung, der Kampf des Neuen mirdem Alten, des nackten Bewußtseinsmit dem schläfrigen unklaren Glau-ben, in allen Erscheinungen des Geistes zuTage kommt. Die Zweitheiligkeit der An-schauungen ist in Religion, Moral, Politik,Literatur und Kunst gleichzeitig hervorgetreten.
In der Religion erscheint sie auf der einenSeite in dem Fanatismus der Alt- und Wort-gläubigen , der bei den Protestanten in Mysti-cismus, Muckerei, Separatismus, weinsber-gische Geisterseherei, Neckartaufe, Missions-und Bekehrungssucht rc.; bei den Katholikenin das hierarchische Princip, das Festhalten aneinem in der Wurzel ausgestorbenen Unsinne,den Jesuitismus rc. sich scheidet. — Auf derandern Seite bildet der sogenannte Rationa-lismus im Protestantismus den Uebergang zureinerem Geistesstreben, zu einem klaren Be-wußtsein der Begrenzung und Ausdehnung