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des Reiches Altona auf mehrere Tage, wo sie,festlich empfangen, alles Sehenswerthe in Au-genschein nahmen. Sie beehrten auch unserTheater mit einem Besuche, wurden am Endeder Vorstadt St. Pauli, die gleichsam eineFortsetzung der Straßen -Monas ist (nur eineinfaches hölzernes Thor macht die Scheide-wand), von dem Höchst-Commandirenden derBürgergarde, Obersten Stockfleth, mit seinemStäbe empfangen, von einem Theil der Bür-ger-Cavalerie escortirt, durch eine auf bei-den Seiten des Weges dichtgedrängte jubelndeMenschenmasse bis zum Stadtthor geleitet, wobürgerliche Infanterie in Spalier aufgestelltwar. In den Straßen hatte sich die Menschen-menge wo möglich noch vermehrt, und so glichder Einzug des hochverehrten Königspaareseinem Triumphzuge bis an und in das Thea-ter, wo eine Compagnie der schönen Bürger-Artillerie aufgestellt war. In der Zeit, bisdas Theater aus war, und noch bis zwölf Uhrin der Nacht wogten die Freigestimmten in ei-nem Zuge fast vom Schauspielhause bis nachAltona, den schönen Abend und die Freiheitgenießend, ohne Sperrgeld die Thore aus- undeinpassiren zu können. Eine seltene Erschei-nung , durch einen absoluten König erhaltenRepublikaner, wennauch nur aus kurze Zeit,Freiheit! — In den nächsten Tagen besuchtendie hohen Herrschaften ohne alle Militair-Be-gleitung unsere merkwürdigen Gebäude, dasBibliothek- und Schulgebäude, die noch imBau begriffene neue Börse, mehrere Schulenund milde Anstalten, einige der hervorragend-sten Fabrikanlagen und Kaufläden. Bei derWeiterreise Ihrer Majestäten nach dem Her-zogthum Lauenburg ging der feierliche Zugwiederum durch unsere Stadt unter ähnlicherMilitair-Begleitung und fast noch größeremfreudigen Zurufe der dicht geschaarten Mengevom Eingänge bis zum Ausgange unsererStadt. Besonders interessant war in der Nach-barstadt der Aufzug der zünftigen Gewerks-meister mit Gesellen und Burschen, mit vielenMusik-Corps, Fahnen und Emblemen, andie 4000 Köpfe stark, eine Reminiscenz aus derZeit, wo der Handwerker den Kern der Städtebildete. Die große Bedeutung derselben istnicht mehr, doch wirkt ein solches Zusammen-kommen gewiß recht Vortheilhaft auf Erwe-ckung eines kräftigen Bürgersinnes, der in un-seren Zeiten des Egoismus um so mehr Noththut. — Am 20. August wurde der Bürger-schaft ein Tractat mit Dänemark zur Mitge-nehmigung vorgelegt, wodurch die Streitigkei-ten über den Transito-Zoll auf dem Wege von
Hamburg nach Lübeck, die zu Reklamationenbeim Bundestage Veranlassung gegeben hat-ten, ihr Ende erreichten. Diese gütliche Bei-legung trug unstreitig viel dazu bei, die Ham-burger eben so freudig aufzuregen, als wennder eigene, geliebte Fürst in ihren Mauernweilte. — Die Eisenbahn, die in unserer Nähezur Verbindung der Ost- und Nordsee (dieKiel-Altonaer Bahn) angelegt werden soll,hat durch die Besprechung der Comites mitdem Könige jetzt die beste Aussicht zu Standezu kommen, da dem Vernehmen nach die Re-gierung die Zinsen garantiren wird. —
Ky n o s-u r a. Phantasiegemälde von Lud-wig Storch. 1840. Mit einem Stahlstiche. —Es ist der bekannte, seit Goethe's Wahlver-wandtschaften so häufig in den modernen Ro-manen und Novellen wiederkehrende Gegensatzzwischen Ehe und Liebe, zwischen Pflicht undNeigung, um dessen willen das ganze, höchstunwahrscheinliche Gemälde erfunden wordenist. Besser freilich eine ehelose Liebe, als eineliebelose Ehe, aber am besten ist, meine ich,eine von Liebe beseelte Ehe oder eine durch dasBand der Ehe befestigte Liebe, und zu dieserErkenntniß, daß allein die Ehe „dem stillenund wahren Glück der Liebe die grüne Myr-tenkrone aufsetzt," muß denn zuletzt auch Blu-menthal, der Held des Stückes, kommen.Es ist freilich nicht schwer, zwischen eine Ky-u o s u r a und Helene gestellt, zu dieser Ein-sicht zu gelangen. Kynosura ist die leiden-schaftliche, wilde, phantastische Repräsentantinder Liebe, Helene ihr gegenüber das milde,deutsche, treue Weib, die Repräsentantin desgermanischen Frauenthums. Da Blumenthalüber seine ehelose Liebe zu Kynosura bedenk-lich wird, erwiedert ihm diese: Bedarf es dennzwischen uns noch eines Bandes, oder kannein innigeres, als das uns bereits vereint, nochangelegt werden? Ich erkenne nur die Liebeals meine Herrin an; denn sie ist das höchsteNaturgesetz. Wir leben und weben in ihr unddurch sie; sie ist nicht allein den Trieben un-seres Leibes, sie ist allen Gefühlen und Gedan-ken unserer Seele vorgesetzt und eingewebt undwir sind ganz erfüllt von ihr. Die Liebe istGottes erstes Gebot, das auf jedem Blatte un-seres Wesens obenan steht. Wo aber steht denndas Gesetz der Ehe? Ach, nur in menschlichenBüchern auf lumpigem Papier; und von allden Büchern und Schriften halte ich nichts.Die Liebe soll mich an Dich binden, keinmenschlicher Zwang. Ein Pfaffe kommt daund befiehlt mir, ich soll Dich lieben; dieser
aberwitzige Befehl allein schon könnte michveranlassen, es nicht zu thun. Jeder Zwangist mir verhaßt. Ich will nur von meinemHerzen gebunden sein, nicht von einem mensch-lichen Gesetz, das die Pfaffen für ein göttlichesausschreien. Die Ehe macht mich zur Sklavindes Mannes, aber ich will weder Deine Skla-vin noch Deine Herrin — ich will frei seinund nur der Stimme meines Herzens gehor-chen. Meine Güter werden eben so gut Deinsein, als wenn ein sündhafter Pfaffe seinensogenannten Segen über unsern Bund gespro-chen hätte. Das höchste Gut aber, unsre Liebe,werden wir ängstlich als einen hohen und kost-baren Schatz wahren, wenn wir fürchten müs-sen, wir können denselben verlieren. Jeder-mann schätzt allmälig ein Gut geringer, dessenBesitz ihm ganz gewiß ist; ein solches, dessenVerlust leicht möglich, wird dagegen stets hochgehalten. — Aber dieselbe Kynosura, die dieBedenklichkeiten ihres Geliebten über ihr ehr-loses Zusammenleben durch diese Worte zu ver-scheuchen sucht, wird ihm späterhin untreu underweist sich überhaupt als ein zügelloses, nurin dem sinnlichen Genusse der Liebe sich berau-schendes, dann aber den Gegenstand derselbenverhöhnendes und wegwerfendes Weib. Sieist eine Sirene, die die Männer nur in ihreNetze lockt, um sie zu verderben, ein vampyr-artiges, fabelhaftes Wesen, bei dessen An-blick uns unheimlich zu Muthe wird. Dieseräthselhafte, geheimnißvolle Natur erhält denLeser zwar bis ans Ende in Spannung, aberdie Lösung ist völlig unbefriedigend, es ist vielLärm um Nichts. Denn diese Lösung ist imhöchsten Grade unwahrscheinlich. Zwar hatder Vers. seine Kynosura ein Phantasiegemäldegenannt, und dieses scheint anzudeuten, daßman hier nicht Gewöhnliches, Alltägliches, Na-türliches, sondern Ungewöhnliches, Außeror-dentliches, zu suchen habe; aber es fragt sich,ob ein solches Phantasiegemälde, das beimRäthselhaften, Geheimnißvollen stehen bleibt,ohne eine befriedigende Lösung zu geben, vonInteresse sein kann. Das Räthsel ist ja nichtSelbstzweck, sondern ist nur um der Lösungwillen da und stürzt sich, sobald es gelöst ist,wie die Sphinr, in den Abgrund. Zuletzt undim tiefsten Grunde befriedigt doch nur das Na-türliche, Wahre, Menschliche, Gesetzmäßige,welches sich sehr wohl in Phantasiereicher Formdarstellen laßt, denn es ist ein großer Unter-schied zwischen einem Phantasiereichen undeinem phantastischen Gemälde.
F.