Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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544
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eine Religion der Wahrheit und Gerechtigkeit,sollte vorzüglich durch die neuen Regierungenin Wort, Gesetz und Beispiel gepflegtund genährt worden sein. Wohl ifl zu bemer-ken, daß wir hier uns nicht widersprechen, in-dem wir von den Regenten einen Einfluß aufdie Kirchen verlangen, wahrend wir oben vonihnen Durchführung der möglichst vollständi-gen Trennung der Staatsgewalt von der Kir-chengewalt verlangten. Wir müssen hier dieseRegierungen in ihrer Stellung zu jenen Kir-chen betrachten, die beim Anfange ihres Re-giments noch wirkliche Staatskirchen waren.Die Jahrhunderte lang angewöhnte und vomVolke durchlebte Vereinigung oder das alteWechselverhältniß von Staat und Kirche konnteallerdings nicht mit einem Tage und nicht ineinem Jahre gänzlich umgewandelt werden.Die Verkündigung gänzlicher Cultusfreiheit ineiner Verfassung oder in einem Gesetz ist nurder Anfang dieser Scheidung unnatürlich ver-bundener Elemente. Die Trennung selbst mußallmälig durch viele vorbereitende und anbah-nende Gesetze und Maßregeln geschehen, daserkennen wir gern an, und wir fühlen eswohl, daß diese große Maßregel in den nord-amerikanischen Freistaaten auf vielfach andernWegen zu Stande kam, als sie in unsern eu-ropäischen Republiken und konstitutionellenStaaten zu Stande kommen wird.. Der stärksteBeweis aber, glauben wir, dafür, daß dieseTrennung von Kirche und Staat auch in Eu-ropa kommen muß, findet man in der Ge-schichte der ursprünglichen christlichen Kirche.Aus den treuen Gemälden, die uns von derspätern christlichen Kirche Kirchengeschicht-schreiber wie Neander und Gieseler gaben, diesich gegenseitig ergänzen, geht hinlänglich her-vor, daß, ohne das viele Gute dieser Verbin-dung von Staat und Kirche in der Zeit undfür jene Zeit zu verkeimen, doch die Uebel,welche durch dieses fortdauernde Verhältniß stchüberall zeigen und erscheinen müssen, das Guteweit überwiegen. Die Hauptursache scheintnur darin zu liegen, weil das Kirchenthum sichallmälig zu weit vom Christenthum entfernthat. Die Anhäufung der Dogmen in jederKirche bildet einen zu auffallenden Gegensatzgegen die Einfachheit der christlichen Moralund es ist ein sonderbarer Widerspruch, warumman, während man die Anwendung christli-cher Moralprincipien im Handeln jedem Ein-zelnen und seinem Gewissen überläßt, nichtauch die Auffassung der im Evangelium nurdunkel angedeuteten Dogmen nicht dem Ver-stände eines jeden Einzelnen überlassen hat.Rühmen sich doch alle christlichen Kirchen des

so einfachen ap o st ol isch en S ymb olums,und doch begnügte sich keine damit, sondernjede sucht zu diesen wenigen Sätzen, denensich jeder Denkende unterwerfen kann, nocheine -Menge anderer Sätze als eben so vieleSpitzfindigkeiten fest zu halten*).

Fast allgemein haben die bessern Lehrer injeder Kirche die Subtilitäten der sogenanntenKasuisten, welche Fälle erdichteten, die nie immenschlichen Leben vorkamen, verworfen undkehrt man zu den einfachen Sätzen des Evange-liums zurück, warum kommt man nicht darinüberein, auch die dialektischen Erfindungen derConcilien und Synoden, mit welchen die sym-bolischen Bücher jeder Kirche angefüllt sind,der freien Ansicht des Einzelnen zu überlassen.Zeigt uns doch die Dogmengeschichte den Weg,wie man zu diesen nicht apostolischen Sätzengekommen ist. Die Kaiser und Fürsten habengrößtentheils mit dem Scepter den Stempelder Unverletzbarkeit auf diese Glaubenssätzegedrückt und eine Grübelei war der andernMutter. Der Arianismus war so absurd alswie der Athanasianismus und alle diese Dingesind nur durch Staatskirchen zu Stande ge-kommen. In unserer Zeit scheint der mächtigum sich greifende Jndifferentismus gegen dieseKirchen lehren, den ich aber bei sehr vie-len nicht für Gleichgültigkeit gegen die Reli-gion halten möchte, trotz dem Lärmrufe derOrthodoren in allen Kirchen ein Ende zu ma-chen. Die immer häufiger werdenden gemisch-ten Ehen der Confessionen unter einander müs-sen diesen Jndifferentismus immer mehr fort-pflanzen und mit Recht sucht die römische Kirche,wo sie durchdrungen kann, sie zu verhindernoder zur Erwerbung von Proselyten zu benu-tzen. Solche Zeichen der Zeit, glaube ich, hät-ten die Regeilten längst aufmerksam machensollen und die Gesetzgeber, keiner Kirche mehrbesondern Staatsschutz zu geben, wodurch noth-wendig eine dem Urchristenthum sich wiedernähernde Kirche den Sieg über alle davon tra-gen würde. Man muß entweder Deist oderKatholik sein, sagte der geistreiche Fenelonund Wieland sagte dasselbe in seinem deutschenMerkur 1798, Nr. 198. „Wenn das Christen-

*) Ganz richtig hat Dr. Trorler in seiner Schrift„Die Kirchenverbesiernng des 19. Jahrhundert," woriner Llorente zu Grunde legte, nachgewiesen, daß diekatholische Kirchenverfassung und die katholischen Dog-men , also das apostolische Symbolum als ihr Inbe-griff schon aus den ersten zwei Jahrhunderten nachge-wiesen werden müsse. So will er auch in seinen neue-sten Schriften keineKlerokratie und kein athanasianischesChristenthum. Das „ yuoä «empor, udchus et aboinnibu« erellltum e«t " muß die Grundnorm wahrerchristlicher Dogmen bleiben.

thum nicht bloßer Rationalismus sein soll, soist eine Anstalt mit untrüglicher, somit gött-licher Autorität unerläßlich. Man muß ent-weder Rationalist oder Katholik sein." Wärees aber nicht möglich, die Vermittelung oderAusgleichung des Rationalismus oder der for-schenden Vernunft und der Autorität einer Of-fenbarung in einer reinchristlichen Kirche zufinden. Darnach ringen wohl die beiden Ge-gensätze unserer Zeit — das soll die Kirche un-ter einem Hirten, unter Einem Christus wer-den. Daher rühmen sich auch die Unitarierin ihren Schriften, daß nur zwei Kirchen sichin Nordamerika behaupten würden, die ihrigeund die katholische. Waren aber nicht die er-sten Christen Unitarier und doch keine bloßenRationalisten? Mag man noch so viel Werthauf die mündliche Ueberlieferung oder die Tra-dition in der röm ischen Kirche legen, weilsie der Bibel vorausgegangen sei; ohne Bibelhätten wir doch kein Christenthum mehr. Nurdiese Urkunde, deren Echtheit, dem wesentli-chen Inhalte nach, auch die scharfsinnigsteKritik nicht umstoßen konnte, und die sich auchtrotz der neuesten Mythisirungsversuche erhal-ten wird, wird im Einklänge mit der prüfen-den Vernunft, die weder gegen die Moral nochgegen die höhere Persönlichkeit Christi Gründ-liches einwenden kann, uns das reine Chri-stenthum als Weltreligion erhalten und in al-len Ländern zur Herrschaft über die Geistererheben. Kurz weder eine Religion, blos aufdie Vernunft allein gebaut, noch eine Reli-gion, die von Menschen in einer auch noch sofeierlichen Versammlung ausgesprochenen Sä-tzen Unfehlbarkeit beilegt, wird sich erhaltenkönnen, denn während jene uns vor keinemZweifel, selbst nicht vor dem gegen die eigeneEristenz schützen kann, müßte die letztere unsmit eben so vielen Dogmen, als es Einfälle desVerstandes über die Religion geben könnte,überschütten und allen Verstand unter der un-endlichen Last von Dogmen begraben.

Wie die Fortschritte in der Wissenschaftnicht geleugnet werden können, so wird auchNiemand die Fortschritte in der Religions-wissenschaft oder im Glauben leugnen können,und die Menschheit hat hierin das Resultatder Zukunft abzuwarten. Wie aber der Wis-senschaft nichts schädlicher ist, als wenn derStaat ihre Sätze mit seiner Autorität schützenund durch Zwang verbreiten wollte, eben so istder Religion nichts gedeihlicher, als die Frei-heit, als die ungehemmte Entwickelung, undsobald sie der Staat mit seinen weltlichen Hän-den berührt, wird sie entweiht. Der Staathat daher nur die Pflicht, wie bei der Wissen-