Band 
1840, Juli-Dezember.
Entstehung
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560
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wahren versprachen. Darf ich es mir jetzt zu-rück erbitten?

Alcidor ging schweigend zn seinem Bureauund suchte das Geforderte. Mit gespannter Er-wartung schaute die Marquise ihm zu, wie erzwischen Büchern, Noten, Bändern und zier-lich zusammengefalteten Liebesbriefen nach demKästchen suchte, und als er jetzt es gefundenund ihr darreichte, konnte sie einen Schrei derFreude nicht zurückhalten. Hastig drückte siean einer Feder, der Deckel flog empor undschimmernde kostbare Brillanten blitzten Alci-dor entgegen.

Sieh. Alcidor, sagte die Marquise bewegt,es ist dies mein ganzes Vermögen und Du hastes mir bewahrt.

Alcidor neigte sich ihre dargereichte Handzu küssen. O Cäcilia, was kümmern mich bli-tzende Brillanten und Schatze. Deine Augensind meine Edelsteine und Deine Liebe ist meinSchatz. Nicht wahr, Cäcilia, Du liebst michnoch? fragte er dringend und blickte flehendzu ihr auf. Die Marquise zitterte und schwieg.

O sag, daß Du mich noch liebst, bat Al-cidor, sprich zu mir, Du, die Du das Glückmeines Lebens bist.

Cäcilia erbleichte, ihre Augen füllten sichmit Thränen, und Plötzlich, wie in gewaltigerBewegung, stürzte sie nieder zu Alcidors Fü-ßen und ihre schönen Arme zu ihm erhebend,schluchzte sie: O Alcidor, Verzeihung, ich habeDich getäuscht!

Der Sänger trat einen Schritt zurück. Duliebst mich also nicht? flüsterte er.

Verzeihung, wiederholte die Marquise.Nicht diesen schmerzvollen Blick! Ich kann ihnnicht ertragen, zürne mir, tödte mich, aberschaue mich nicht so traurig an!

Alcidor hatte jetzt seine Fassung wieder er-langt, er reichte der Marquise die Hand undsagte fest: Stehen Sie auf, Madame, nicht dortist Ihr Platz!

Die Marquise aber rief: Nicht eher ver-lasse ich diese Stelle, als bis Du mir verzie-hen! Höre mich wenigstens! Du kennst dieGreuel der Revolution, Alcidor, meinen Vaterund meine Mutter sah ich hinwürgen von dengrausamen Männern, die sich die BeschützerFrankreichs nennen! Man schleppte sie ausdem Kerker und nöthigte mich es anzuschauen,wie ihr Haupt unter der Guillotine lag. Alci-dor, damals schleppte man mich sinnlos inmein Gefängniß zurück, um andern Tages auchmich zu tödten. Da in der Nacht kam mirHülfe, Graf Roger errettete mich aus dem Ker-ker und erlangte meine Freiheit von Nobes-pierre. Ich hatte seine Liebe verschmäht; jetzt

war er der Retter meines Lebens und ausDankbarkeit beschloß ich mein Leben ihm zuweihen.

Alcidor erbleichte, als sie so sprach, bedecktesein Gesicht mit seinen Händen und sein leisesStöhnen erschütterte die Marquise und triebihr die Thränen in die Augen, als sie jetztfortfuhr: Heimlich ward ich sein Weib; ichkonnte ihm nicht Liebe geben, aber ihm lohnen.

Und warum diese heimliche Ehe? fragteAlcidor vorwurfsvoll.

Um nicht den Verdacht zu erregen, er habemich aus eigennützigen Absichten befreit, umso in Besitz meiner Güter zu gelangen und dannspäter, als Danton's Haß den Grafen ver-folgte, bestand dieser auf dem Geheimniß, da-mit ich nicht in sein Verderben mit hinein ge-zogen würde.

Stehen Sie auf, ich beschwöre Sie, stehenSie auf! sagte Alcidor, bemüht die Marquiseaufzurichten. Ich verzeihe Ihnen Alles! fah-ren Sie fort.

Die Marquise folgte ihm zum Divan, undsich neben ihn setzend fuhr sie fort: Danton'sHaß verfolgte meinen Gemahl und nur Robes-pierre schützte ihn b'is jetzt, mich aber schütz-test Du!

O, sagte Alcidor zitternd vor Bewegungund Zorn, jetzt begreife ich Alles. Man spieltemit meiner Liebe, man gab sich das Ansehen,als erwiedere man sie, man gab mir öffent-liche Beweise von Huld und alles dieses nur,weil man wußte, daß das Volk mich liebt unddaß die Geliebte des Sängers Alcidor sichervor der Wuth des Volkes sei, und im Herzenlachte man über den eitlen Gecken, den Sohndes Volkes, der sich eingebildet, die Liebe derhochgebornen Marquise zu besitzen, das warnicht wohlgethan, Madame, Sie konnten meinHerz verschmähen, nicht aber dursten Sie eszu Ihrem Spielwerk machen!

Alcidor, flüsterte die Marquise, hast Duin meinen Augen nicht Wahrheit gelesen? Ach,was die Klugheit gebot, ich that es, weilmein Herz mich trieb.

Ein Ausruf der Freude, des Entzückenstönte von Alcidor's Lippen, er schloß die Mar-quise in seine Arme und bedeckte ihre Stirn,ihren Mund mit glühenden Küssen; einen Au-genblick überließ sie sich ihrem Gefühl und demGlück, dann aber sich sanft seinen Armen ent-windend , trocknete sie rasch ihre hervorbrechen-den Thränen und sagte fest: Die Zeit drängt!Mein und meines Gemahls Leben steht aufdem Spiel, Danton hat des Grafen Namenauf die Liste der Proscribirten gesetzt, baldwird er auch mich verdammen, meine Güter

sind eingezogen, diese Brillanten, die ich intrauriger Vorahnung Dir zur Bewahrung gab,sind jetzt mein einziges Vermögen. Mit ih-nen fliehe ich nach Deutschland; mein Wagensteht vor Deiner Thür; Alcidor, wir müssenscheiden!

Scheiden? Ich soll Dich missen? fragteder Sänger wehmuthsvoll. Cäcilia, willst Dumich tödten?

Sie erbebte, sie faßte seine Hand undmurmelte: Alcidor, sei stark, damit ich esbin! Sei ein Mann und lehre mich thun, wasich muß!

Wohlan, es sei, sagte Alcidor kräftig, esgilt Deine Sicherheit! fliehe denn!

O ich habe mich nicht in Dir getäuscht!rief die Marquise und drückte seine Hand anihren Busen. Alcidor, denke daran, daß ichdem Grafen, meinem Retter, meine Hand gab,bevor ich Dich kannte und daß, seitdem ichDich gesehen, mein Leben eine Kette von Ent-zücken und Qual war. Erwidre mir nichts!sprich nichts! wir müssen enden! Sieh, fuhrsie fort und führte den Sänger zum Fensterhin, dort steht mein Wagen, als Bedienterverkleidet sitzt der Graf neben dem Postillon,schau, wie das Volk sich schon herandrängt,weil es ahnt, es möchte ihm ein Opfer entge-hen. Alcidor, Du mußt mich retten und ihn,der mein Gemahl ist.

So komm, sagte er fest, komm, ich geleiteDich und mag mein Herz auch brechen, diePflicht gebietet; wir wollen uns unterwerfen.

Lebe wohl! hauchte sie leise, und Plötz-lich mit allem Feuer der Leidenschaft und desSchmerzes ihn umschlingend, drückte sie einenlangen und innigen Kuß auf seine Lippen.Dann riß sie sich los, öffnete die Thüre undzog den Sänger mit sich hinab die Treppe hin-unter zur Hausthür.

Schon hatte ein dichter Haufe Volks sichum den Wagen gedrängt, Weiber mit fliegen-dem Haar und gräßlichen Lumpen, Männermit wüthendem Angesicht, mit Blutspuren anden Gewändern, riefen wild durcheinander:Wozu dieser Reisewagen? Man will der Ge-rechtigkeit entfliehen und der Rache des Vol-kes? Wir leiden es nicht! Es soll Niemand dieStadt verlassen!

Spannt die Pferde aus! schrie Einer. Werftden Bedienten vom Bocke! brüllte ein herenar-tiges Weib und die tobende Rotte schickte mitFreudengeheul sich an, diesem Gebot zu folgen.Da trat Alcidor, der bis jetzt stumm nebender bebenden Marquise gestanden, muthig vor,drängte den Ersten, der so eben Hand an denWagenschlag legte, zurück, schwang sich hin-