Lehren. 55
Es giebt berühmte Exempel von Leiden-schaften, die Vernunft und Witz besieget,oder so sehr geschwächt, daß man kaum ih-re Folgen verspühret hat.
Mein Freund! das Glück verdienet,daß wir darnach streben, und ist unsererMühe wohl werth. Sage denen, die sichbeklagen, daß sie nicht glücklich sind, es seyeihre Schuld; du wirst ihnen nichts sagen,das du nicht rechtfertigen kanft. Wenn maualles das grosse Uebel, das die Leidenschaf-ten mit sich führen, und darein sie uns stür-zen, mit dem vergleichen würde, was es ko-stet, denselben vorzukommen; ich weißnicht, ob man anstehen würde, dieselbenzu dämpfen.
Die Zufälle unsers Lebens verändern un-ser Gluck, sie können diejenigen in einegrausame Noth bringen, die derselben amwenigsten ausgesetzt zu seyn scheinen. Abersie sollen unser Herz nicht ändern. Manmuß über sich selbst herrschen, und seineHerrschaft so befestigen, daß weder derAnblick des Todes, noch die Armuth selbstdieselbe verändern kan.
Der Schmerz erpresset Thränen, die dieSündhaftigkeit abwischen soll: man kansich beklagen, ohne sich zu erzürnen: mankan ohne Verzweiflung den Tod dem Le-ben vorziehen: man kan arm seyn oh-D 4 ne