Band 
Dritter Theil: Die neuere Geschichte.
JPEG-Download
 

358

II. Zeitalter Ludwig's XIV.

stractm Denken befreundet hat, Lcibnitz ist es, der den Ueber-gang von Ludwig's XIV. Zeitalter zum deutschen Zeit-raum bezeichnet. Hierzu war er berufen durch sein allumfassendesGenie und durch die Art seiner Ausbildung. Sein Vater, FriedrichLeibnitz, Professor der Moral zu Leipzig, hinterließ ihm eine reichausgestattete Büchersammlung. Der sechsjährige Knabe sing an,alle Felder der Wissenschaften zu durchwandern: er las den Livius,ehe die Schule ihn dahin führte; aus Virgil schöpfte er die Begeisterungund Eleganz, welche ihn in das Gebiet der Speculatiou begleitete;zu Jena studirte er dann die Geschichte, und betrat bald selbstständigdas Gebiet der Mathematik. Bereits entstand in ihm die Idee einerallgemeinen Rechenkunst und einer allgemeinen philosophischen Sprache.

Er übersah das ganze Feld, das er zu bearbeiten gedachte. NachLeipzig zurückgekehrt, entschied er sich für die Richtung seiner philo-sophischen Studien. Nachdem ihm die Juristenfacultät den Doetor-but wegen Minderjährigkeit verweigert, ging er nach Altdorf. ZuNürnberg trat er mit Alchymisten in Verbindung, um ihrem Thunauf den Grund zu kommen. Der kurmainzische Minister, Freiherrvon Boineburg, ein Eiseuacher, der ihn an der Wirthstafel inNürnberg kennen lernte, munterte ihn zur Fortsetzung des Rechts-studiums auf; der Kurfürst Johann Philipp von Schönbornnahm ihn in Dienste als Kanzleirevisionsrath. Auf Reisen machteer, im Umgänge mit Huygcns, jene arithmetischen Erfindungen,durch welche er erst schriftlich, dann auf einer weiteren Reise nachEngland persönlich mit Newton in Berührung kam. Da indessenBoineburg und Schönborn starben, ward Leibnitz von dem HerzogJohann Friedrich von Hannover zum Bibliothekar mit Hofraths-charakter berufen. Das angebotene Diplom eines Mitglieds derPariser Akademie nahm er erst an, nachdem ihm der Uebcrtritt zurkatholischen Religion erlassen worden; i) das Jahr darauf wurde erMitglied der Gesellschaft der Wissenschaften zu London. Unter demnachfolgenden Herzog Ernst August von Hannover bereiste Leibnitzfür ein großes historisches Unternehmen Deutschland und Italien.Herzog Anton Ulrich von Wolfenbüttel ernannte ihn zum Hofrathund Bibliothekar, mit dem Sitze in Hannover, was ihn jedoch nichtabhielt, die Wolfenbüttel'schc Bibliothek so zu besorgen, daß 50 Jahrenach ihm Lcssing für einen ebenso großen Geist hier eine reiche Erntefand. Mitten unter eifrig betriebenen Verhandlungen über Rcligions- ^

1) Ueber Leibnitzen's Verhältniß zur katholischen Kirche s. Anmerkung amSchlüsse dcö Bandes.