Band 
Erster Band
JPEG-Download
 

204

wendige Behufs ihrer Befriedigung erfunden. Dagegen sind diereligiösen Ideen bereits in der Kindheit des Menschengeschlechtesetwas ganz Gewöhnliches. Was diesen Ideen Ausdruck verleiht,ist bei allen'Völkern ältester Theil der Sprache. Auf einen Kultusbeziehen sich die ersten rohen Spuren von Civilisation, welche wirbei den Barbaren entdecken; sie begleiten mit einem Hymnus dieTänze und Gesänge ihrer Feierlichkeiten, mit einem Hymnus, der,oft ihnen selbst unverständlich, zumeist die Erinnungen an eine Urweltzum Inhalte hat. In der That konnte nur vermittelst des Wortesder Mensch sich zur Vernunft erheben, dieses nicht erlangen, ohnedie Einheit in der Menschheit, das Unsichtbare im Sichtbaren, dieWirkung in der Ursache zu entdecken, das ist, ohne von der VernunftGebrauch zu machen; wir drehen uns hiemit im Zirkel, wie esjedesmal ergeht, wenn man über die Ansänge der Menschheit nach-denkt. — Wir begegnen demselben in dem Gedanken eines gesell-schaftlichen Vertrags, zufolge dessen die von einer fast thierischenEristenz ausgehenden Menschen zu einer gemeinschaftlichen Lebens-weise gelangt sein sollen. Wäre dies richtig, weßhalb findet mandenn auch kein einziges Volk ohne Sprache, Vernunft und Moral?Im Gegentheil gibt es keine einzige Geschichte, welche nicht lehrte,daß der Mensch diese Güter, wenn auch mehr oder weniger ent-wickelt, stets besessen; wir müssen demnach annehmen, daß selbe denGrund und das Wesen seiner Natur bilden, im Vorzüge vor-dem Verstand, der ja doch für die praktischen Fälle kein Urbildfinden konnte.

Wie mochten in der That die Bande der Ehe und der Vater-schaft Pflichten werden, bevor der Mensch die wohlthätigen Folgenhieven, wie die Nothwendigkeit, diese Pflichten zu erhalten, begriffund erkannte? Wie hätte er ohne Erfahrung hierüber die Vortheileder Gesellschaft eingesehen? Damit die Menschen übereinkommen,und einen gesellschaftlichen Vertrag schließen, müssen sie doch wohleine gemeinschaftliche Sprache besitzen, um sich zu verstehen, wieauch konventionelle Formen, Versammlungen, Vertretungen u. dergl.,kurz, sie müssen bereits einen gesellschaftlichen Körper bilden. Mitwelchem Rechte hätte auch diese Handvoll Menschen allen nachfolgen-den Geschlechtern der Menschheit Gesetze auferlegen können? WäreAlles nur auf veränderliche Symbole und bewegliche Abstraktionengegründet gewesen, so hätte da ihrem Vertrag jede Sanktion gefehlt!Und wenn sie selben zur Befestigung ihres Glückes schloffen, wäreuns dann nicht das gleiche Recht gewährt, ihn zu prüfen und allen-