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Erster Band
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Homeros.

Der berühmteste unter diesen Volksdichtern war Homer. Zuwelcher Zeit lebte er? In welcher Stadt? War er Grieche, Asiate,Jtaler? War er in der That blind? Bereiste er die Inseln, Egyp-ten, Italien? War der Dichter der Odyssee und der Jliade einerund derselbe? Lebte überhaupt wirklich ein Dichter Namens Homer,oder darf man annehmen, daß selber zu einem Symbol sich verklärte,seine Dichtungen von Mehreren, zu verschiedenen Zeiten verfaßte undvon den Grammatikern geordnete überlieferte Gesänge seien?

Den Geschichtschreiber der Menschheit kümmern diese Fragennur wenig*). Es kann eine Zeit kommen, wo darüber gestrittenwird, ob der Vatikan einen Baumeister hatte, ob ein Aristoteles,ein Naphael Sanzio, ein Göthe lebten. — Kein Dichter hat aufsein Vaterland einen großer» Einfluß ausgeübt, als Homer: keinDichter gehört daher mehr der Geschichtschreibung an; uns genügtes indeß, ihn in der Bedeutung seines Namens anzunehmen, als derZeuge der Ereignisse, welche er beschreibt. Der Polarstern istMillionen Meilen von uns entfernt, befindet sich nicht an der Stelle,wo wir ihn erblicken, ist wohl gar seit Jahren bereits erloschen:nichts desto weniger dient er dem Seefahrer als Leitstern.

Das Zeitalter, mit seiner naiven und wunderbaren Mischungdes Glaubens und Gedankens, war episch und zugleich ein mächti-ges, fruchtbares; zwischen der Phantasie und dem Gedächtniß, derBegeisterung und dem Nachdenken herrschte die nothwendige vollkom-mene Uebereinstimmung, um ein erhabenes Werk der durchaus ur-sprünglichen und daher dem medcrnen Geist der Zersetzung um soweniger erschlossenen Kunst zu erzeugen. Die Mythe hatte noch nichtvon ihrem Glänze eingebüßt, sa sich dermaßen in dem Troserzugeentwickelt, daß die Volksdichtung daraus den reichsten Stoff schöpfte.Wenn die frühern Helden nur ihren besondern Stämmen Theilnahmeeingeflößt hatten, so nahm nun die Gesammtheit an denen Interesse,welche an einem gemeinschaftlichen Unternehmen betheiligt waren.

Unzweifelhaft (seine eigenen Dichtungen bezeugen es) lebtenvor Homer Sänger, welche in volksthümlichen Gedichten (Epen)die Thaten der Helden priesen. Als nun Jahrtausende verflossen warenund diese Gesänge im Munde des Volkes mancherlei Umgestaltungerlitten hatten, ward ein Dichter, ein Homer, d. i. der Verfassereines dichterischen Ganzen, nöthig, welcher jene Ueberlieferungen alle

*) Wir kommen am selb« in der Biographie der Homer zurück.