623
Harmonie der Verhältnisse. Neben der Tonkunst und den gymnasti-schen Spielen standen seine Gesänge in erster Reihe in der griechi-schen Erziehung, und der Griechen gesellige Ausbildung ward nichtmit Hülfe doktrineller, abstrakter, kalter Wissenschaft, sondern durchdie Anregung der Einbildungskraft, durch Umfassung des ganzenLebens bewerkstelligt. Homer erzog seine Griechen nicht, indem ersie mit Sittengedichten behelligte, sondern indem er ihnen das Be-wußtsein der nationalen Einheit einflößte; darauf hin leitete er alleGefühle und pflegte sorgfältig diese Idee, so weit sie sich mit demLeben — dessen Zirkel er vollständig durchlaufen — verschwisterte.
Gleich wie der Schauplatz seines Gedichts zwischen Europa undAsien lag, stellte sich der Dichter zwischen Orient und Occident, umeine ewige Schranke aufzurichten zwischen dem geheimnißvollen Un-bestimmten der asiatischen Religionen und den so manchfaltigen, sobeweglichen, so lebensvollen Gottheiten seiner Mythologie. Die orphi-schen Gesänge, die Hüter erhabener, aber halb verschleierter Ueber-lieferungen erklangen nur noch in den Mysterien, zwischen den Ber-gen Phrygicn's und Thrakien's; allein Hellas wird ihre Bedeutungvergessen und die göttlichen Ungeheuer den Göttern des Olymps —dem Menschen in seiner Vollkommenheit ähnlich — einräumen.
In solcher Weise die Religion in den Zauberkreis seiner Poesiebannend, erschafft Homer die Kunst; indem er der Abstammungder Helden die Weihe der Dichtung verleiht, stellt er das Prinzipdes Adels der Geschlechter auf; indem er die Kampfspiele besingt,verleiht er der physischen Stärke und moralischen Kraft Werth; in-dem er die Tapferkeit feiert, bereitet er die Tage von Marathon undArbela vor.
In einem Lande ohne das Band der Nationalität, zwischenStämmen verschiedenen Ursprungs und verschiedener Verfassung, diealle eifrigst darauf bedacht waren, die Vermischung zu vermeiden,ohne eine wahrhaft allgemeine Religion, ohne allgemein geleseneheilige Bücher, wie auch eine überallhin verbreitete Priesterkaste,mußte Alles, was zur Verknüpfung der auseinanderstrcbenden Ele-mente dienen konnte, eine große Wichtigkeit erlangen. Dahin ge-hören die Amphiktyonen, die Mysterien, die Feste; in solchem Sinnewirkte auch Homer, welcher um ganz Griechenland ein mildesBand schlang und, indem er jedem der einzelnen Stämmen eineStelle in seinen Dichtungen anwies, eine nationale Einheit erschuf.Durch ihn ward die Epopöe die Quelle der ganzen Gesittung, allerGattungen der Poesie und Künste; durch ihn wurden die Griechen