Band 
Zehnter Band.
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keit in Fragen von der höchsten Wichtigkeit zur Mode gemacht,den Egoismus in die Moral, die Leichtfertigkeit in die Literatureingeführt zu haben. Seine Paradoxen wider die Gesellschaftund seine Gedanken über die Erziehung wurden späterhin vonI. I. Rousseau aufgenommen, welcher, indem er sie über.trieb, dem Montaigne einen Einfluß verlieh, den er aufseineeigene Zeit in dem Maße nicht ausgeübt hatte.

Wenigstens veranlaßte ihn aber der Skepticismus zur Duld-samkeit in einer Zeit, wo dieselbe noch eine unbekannte Tugendwar. Ruhig inmitten der Leidenschaftlichen, fordert er diePedanten heraus und verlacht sie, zweifelt am Zauber- undHexenspuck, erblickt Unsinn im Verkauf der Richterstellen, inder Käuflichkeit der Justiz, in der Anwendung der Folter zurErpressung von Geständnissen. Er liebt die Reformatoren nicht,weil sie ihm zu unruhig, aber auch nicht deren Gegner, weilsie ihm zu heftig sind. Er verdammt jede Art von Verfolgung,und unter so vielen Irrthümern und Einscitigkeilen bewahrt erwenigstens den Freimuth seiner eigenen Ansicht.

Auch des schon kurz erwähnten Pierre Charron (1541btS 1603) Buch »von der Weisheit (Uo In ssAessv)" ist eineWissenschaft, der Vernunft gemäß zu leben. Eine mehr edleals reine Moral lehrend, und als Führer nur das innere Ge-fühl anerkennend, ist er zu dem Bekenntniß genöthigt, daß derMensch die ganze und vollkommene Tugend nicht auszuüben ver-mag, sondern zuweilen durch unzulässige Mittel zum lobenS-werthen Zwecke zu gelangen suchen muß — entsetzliche, abernothwendige Folgerung des Skepticismus und der Uebertreibungder menschlichen Schwäche. Geordneter und zusammenhängender,doch minder originell in den Gedanken und minder lebhaft imAusdruck als Montaigne, ahmt er ihn häufig nach, wobeier ihn des Ungehörigen, Selbstsüchtigen und frivol Oberfläch-lichen zu entkleiden sucht, aus der andern Seile aber ihn über-treibt, indem er die Zweifel als Axiome saßt. Montaignehatte gesagt: WaS weiß ich? Eharron sagt: Ich weiß nichts.Jener sucht nach Unabhängigkeit der Ideen, dieser leugnet jedeRegel und behauptet, nur der Skepticismus führe zur philo-sophischen Freiheit. Auch gegen die positiven Religionen machter den Zweifel geltend, und da er daS Wahre blos als Gegen-stand des Geistes und Gemüths betrachtet, verwirft er denäußern Kultus. — AuS dieser Schule ging La Mothe le