698 Von Der Philosophie.
selbst nicht, sagt er, ich bin mir wohlnichts bewußt, aber darinnen bin ichnicht gerechtfertiget: Der HErr istsaber, Der mich richtet. So unvollkom-men im übrigen dieses Gebet ist, so wird esdoch das Verdammungsurtheil vieler Chri-sten seyn. Denn es zeigt uns, daßeinvoll-kommner Gehorsam, eine völlige Unterwer-fung und eine herzliche Einwilligung in alles,was GOtt mit uns vornehmen will, vondem Heydenthume selbst als Pflichten undTugenden angesehen wurden; Es ist nurso unglücklich gewesen, nicht zu wissen, wor-auf sie sich gründen.
Epictet war zu der Zeit in Rom, alsder heilige Paulus so viele zum Christen-thums bekehrte, und das Christenthum we-gen der unerhörten Standhaftigkeit derGläubigen ein überaus herrliches Ansehenhatte. Allein er bediente sich eines so hellenLichtes nicht; er lästerte vielmehr wider denGlauben der ersten Christen, und wider denheldenmäßigen Muth der Märtyrer. Nach-dem er im 4. Cap. des 7. Buches des Ar-rian gezeigt hat, daß ein Mensch, der seineFreyheit empfindet, und der überzeugt ist,daß ihr nichts schaden kann, weil GOtt seinErretter ist, weder die Trabanten noch dieSchwerdter der Tyrannen fürchtet: So setzt
er