I. Von der Bildhauerkunst. Z9
dort? Warum ist er zur linken Hand kürzer, alszur rechten? Warum ist er hier dick, und nichtzärtlich? Warum ist die Achsel hier erhöht, unddort erniedriget? Warum ist diese Brust im An-tiquen erhaben, breit und ohne Muskeln, da siedoch in der Natur enge, tief und voller Muskelnist? Warum steht jene Statue gerade, dieseaber mit so viel Anmuth und Grazie gebogen undgewendet? Warum ist im Antiquen die Hüfteund der Umriß des Körpers so deutlich, und dieAbtheilung des Beins von den Waden an so wohlangezeigt, ob es schon in der Natur nicht also ist?Warum ist jener Schenkel, der sich dort erhebt,langer, als der, welcher ruhet? und woher kömmtes, daß ein Arm erhöht, und der andre niedrigist ? daß ein Theil vorwärts, der andre rückwärtsgeht?
Ein so wißbegieriger Schüler wird auch fra-gen, warum die Gruppe des Gewandes und derFalten hierher, und nicht dorthin gemacht, undjene breiten Falten allezeit an demselbigen Plahesind, jene Theile des Nackenden aber allemal bedeckt,die andern hingegen jederzeit bloß gesehen werden?
Wer auf diese Weise zweifelt, und fragt, hat be-reits schon große Beschwerlichkeiten überwunden,und sehr viel begriffen. Er wird auch aus derStellung eines Kopfs, oder einer Statue, die Ant-worten auf alle seine Warum bald erfahren, und.auch gewahr werden, daß es leichter ist, das Feh-lerhafte, als das Schöne und Vollkommene in derC 4 Natur