I. Von der Bildhauerkunst. 85
fchen, daß er in allen besondern Theilen die Ähn-lichkeit suchte, und auf das neue wiederum nach-forschte, ob in jenem Angesicht ein Theil über-mäßig groß sey; ob ihm sowohl die Stirne als dbrMund ekwan zu groß oder zu klein scheine; obihm die Nase zu lang, oder zu kurz vorkomme;ob die Augen zu weit heraus stehen, oder zu tiefim Kopfe stecken. Ich würde es gerne sehen, wenner diese Übermäßigkeiten der Theile mit solchemAusdrucke arbeitete, daß sie von jedermann gleicherkannt würden; denn ein Bildniß erlangt durchnichts anders seine vollkommneAenlichkeit, als durchdie Erkenntniß der Linien, welche sich von der Voll-kommenheit entfernen. Von einem vollkommenenKopfe haben wir schon oben gehandelt, hier aberreden wir von der Abbildung eines lebendigen Amgesichts. Damit der Bildhauer es noch gewisseränlich mache, so muß er die Natur, die Machtund die Absicht desjenigen kennen, dessen Bildnißer ausarbeitet. Denn, wenn er stolz, frech, odergroßmüthig ist, so darf er keine demüthige, furcht-same, oder niederträchtige Stellung machen.Denn es ist gewiß, daß die Regungen und Be-wegungen die Natur des bewegenden ausdrücken.Der Fall in einer jeden Sache mag aber beschaf-fen seyn wie er will, so muß die Stellung niemalstrocken, steif, frostig, oder abgeschmackt seyn,sondern durch die Kunst zierlich, durch die An-nehmlichkeic und Anmuth artig und reizendwerden.