des Mchelagnolo. 139
Hung das schöne Cvlorit nennen, und eine bunteFarbengebung als vortreffliches Fleisch anrühmen,welches die Italiäner OrngMone nennen.Dergleichen Irrthümer und Vorurtheile sind derUntergang des guten Geschmackes, und das Ver-derben der Künste.
Gesetzt aber, ein Künstler wäre von Naturund durch seinen Fleiß mit allen Gaben der Wahr-heit und der Richtigkeit versehen; gesetzt, er hatteTalente eines Bonarotti, eines Tilians und Phi-dias, wenn er dabey genöthiget ist, mehr um Brod,als Ehre und Kunst zu sorgen; wie kann er denn seinvon Angst und Kummer beklemmtes Gemüth er-muntern, und sich empor schwingen? Er bleibtbey seiner durch die Uebung erlangten fertigenManier, und das ihm angewöhnte Augenmaaßist seine Richtschnur; er eilet unter Begleitungseiner Sorgen in seinem üblichen Gleise fort, umfür sich und die Seinigen die Nahrung zu ver-schaffen. Durch dergleichen mißliche Umständewerden die Künste in eine finstere Nacht zurück ge-wiesen. Die Künste würden vielleicht von keinemMichelagnolo etwas wissen, wenn er ein so arm-seliges Leben hätte führen müssen, und seine über,schwänglichen Gaben würden gewiß auch in derDunkelheit erstickt seyn. Allein, sein Glücks-stern verließ ihn nicht, er ward reichlich versorgt,und konnte seinem Genie einen freyen Lauf lassen.Daher unternahm er in seiner Jugend schon alles,was ihm die Natur vor Augen brachte. Ange-
lus