Band 
I. Band.
JPEG-Download
 

30 V. Capitel. Von der Vermehrung des menscht. Geschlechts.

Diese Untersuchung will ich nun ein wenig weiter treiben. Ich will an-nehmen, eine an sclbstwachscnden Producten fruchtbare Gegend, die zu jederArt der Cultur tauglich ist, sey von einem Volke bewohnt, das unter einerfreyen Regierung steht, und in der lautersten Einfalt, ohne Handlung, ohneentbehrliche Künste, ohne Ruhmsucht lebt. Ich will ferner annehmen, es seyin diesem Lande ein Staatsmann vorhanden, der denen, die zuvor die frey-willigen Früchte der Erde in Ruhe und Müßiggang verzehrten, einen Geschmackzum Ackerbau und zur Arbeit beibringt. Was wird diese Vermehrung derNahrung, welche der hinzugekommenen Arbeit zuzuschreiben ist, für Fol-gen haben?

Der schnelle Zuwachs einer solchen Nahrung, als ich hier voraussetze,wird unverzüglich alles mit Munterkeit beleben; und wenn die hinzubekom-mene Quantität nicht sehr gros ist, so wird man nichts Ueberflüsliges finden.Sobald die Einwohner ihre reichliche Nahrung haben, so werden sie sich nochstärker vermehren; alsdann werden sie mit ihren Kindern theilen müssen, unddie Nahrung wird wieder knapper werden.

Soviel war zur Erläuterung des einen Grundsatzes nöthig. Allein, dieangeführten Wirkungen werden nicht lediglich dadurch erhalten werden, dassman diejenigen, die zuvor z.E. von der Jagd lebten, bewegt, diese Handthierungniederzulegen, und den Ackerbau zu treiben. Der Staatsmann muss auch eineMethode aussinden, welche vermögend ist, die Producten dieses neuen Zweigsder Arbeitsamkeit unterwärts zu verbreiten, damit selbige auch den Allerdürf-tigsten in ihrer Noth zu statten kommen. Denn wenn der hervorgebrachtehäufigere Vorrathlblos in den Händen derer bleibt, die ihn hervorgebrachthaben, so wird er ihnen schlechterdings überflüssig} sie würden ihn, wennsie mit einem benachbarten Staate einige Handlung trieben, verkaufen odervertauschen, und ihre Mitbürger hungern lassen. Da wir aber angenommenhaben, dass dieses Volk keine Handlung treibe, so würde, in einem sehrfruchtbaren Jahre, jener überflüssige Vorrath Getreides, wie das Obst, ver-derben; und dann wird dem Landmanne Lust und Trieb zur Arbeit vergehen.

Wenn der Staatsmann, um dieses Unheil abzuwenden, gewisse Classennöthiget, den Erdboden zu bearbeiten, und die Producten davon unter alleBedürftige klüglich vertheilet, wogegen er sie Dienste verrichten lässt, diezum gemeinen Landesnutzen gereichen: so wird zwar dieses ein untrüglicher

Weg