VII. Capitel. Von der Vermehrung des mensch!'Geschlechts, 41
Wir haben bey Darlegung der bisherigen Grundsätze, welche diesezween Gegenstände betreffen, vorausgesetzt, dass alle Menschen frey sind.In diesem Falle stelle ich mir vor, dass die Menschen, nach Proportion ihresFleisses, ihr Geschlecht ziemlich stark vermehren werden. Ihr Fleis wirdnach Maasgabe ihrer Bedürfnisse wachsen, und diese werden sich hinwiederumnach Maasgabe der Dcnkungsart der Zeiten vermannichfaltigen.
Hieraus schliesse ich: je freyer und einfältiger die Sitten eines Landessind, czctcris paribus, desto weniger Einwohner wird man daselbst finden.Dieses bezeugt die Erfahrung an allen Orten. DieTatarn, die einweitläuf-tiges Land hin und her durchstreifen, vermehren sich nur wenig; die Wil-den in America, die von der Jagd leben, und sehr unabhängig sind; die Ein-wohner verschiedncr gebirgichten Länder in Europa, wo wenigManufacturensind, und wo die Leute nie ausserhalb ihres Landes kommen; in allen sol-chen Plätzen vermehrt sich die Anzahl der Menschen nicht sonderlich. Wasist die Ursache hievon? denn man sollte anfänglich denken, wo eine grosseStrecke Landes sey, darauf Lebensrnittel genug wachsen können, da müßtedie Anzahl der Menschen immer stärker werden, bis der Boden sie nicht mehrnähren könnte? Ich hoffe aber, man werde aus den beigebrachten Grundsä-tzen die Antwort hierauf leicht ausfündig machen können.
Wo die Menschen nur wenige Bedürfnisse haben, da ist, um sie damitzu versorgen, eine sohl’kleine Anzahl Handwerker nöthig, zu deren Unter-halt folglich ein sehr geringer überflüssiger Vorrath der Früchte des Landman-nes hinlänglich ist. Wenn sichs demnach zuträgt, daß ein und andre armeFamilie, die zur Classe der Handwerker gehört, sehr zahlreich ist, so wird dieVertheilung der Arbeit und des Unterhalts aufs äusserste getrieben, und dergrößte Theil wird ganz müssig werden, weil ihre Arbeit nicht gesucht wird.So lang sie sich von der ihnen zugetheilten Portion des Vortheils, den ihreEltern durch Arbeit erworben haben, oder von der Mildthätigkeit andrer,unterhalten können, so lange bringen sie ihr Leben fort: wo ihnen aber dieseHülfsquellen fehlen, da müssen sie schmachten. In einer so elenden Verfaßsung ist es nicht leicht, Brod zu finden. Der Landmann wird nicht so gut-herzig seyn, um ihretwillen seinen Fleis zu verdoppeln. Die Ländereybe-sitzer werden jenen Nothleidenden nicht verstatten, Korn auf ihrem Landeohne Entgeld zu bauen; und wenn sie ihnen auch diese Freiheit einräumen
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