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1. Die Gntstehmig und Organisation des kaufmännischen
Direktoriums.
Die Reformation mit ihren Folgen hatte die Thätigkeit der BewohnerZürich's vom Kriegswesen und dem Söldnerdienste ab auf friedlicheBahnen gelenkt. Handel und Industrie, denen die Stadt im 13. und14. Jahrhundert ihr Emporblühen zu verdanken gehabt hatte, erwachtenaus langem Schlummer; die von Alters her betriebene Leinen- undWollen-Manufaktur wurde, wenn auch zunächst nur für den in-ländischen Bedarf, wieder aufgenommen, und man widmete dem Flachs-bau wie der Schafzucht erneute Sorgfalt H. Ebenso suchte die Re-gierung der Baumwollen Industrie, welche aus der zweiten Hälftedes 15. Jahrhunderts stammte, dadurch aufzuhelfen, daß sie durch Be-schluß vom 18. Januar 1553 die hergebrachte Zollfreist dem Tüchli-gewerb zu Stadt und Land zusicherte^). So fand sich der Boden fürdie neuen Industriezweige zubereitet, welche die aus ihrer Heimat ver-triebenen Reformirten von Lokarno nach Zürich verpflanzten. Die freund-liche Ausnahme, die man 1555 den Flüchtlingen zu Theil werden ließ,trug reichliche Früchte. Ihnen verdankt man bekanntlich die Wiederein-führung der Seidenindustrie, welche in ihren Anfängen früher schonin Zürich geblüht hatte; ferner das Spinnen der Seidenabfälle zuFloretgarn oder Schappe, das bald viele fleißige Hände im Kantonherum beschäftigte. Auch die Fabrikation des Bnrates, eines soliden,damals sehr beliebten Wollenstoffes, sowie des Barchents oder Ba-zin's ging von den Lokarnern aus. Der letztere Artikel aus flächsernerKette mit baumwollenem Einschlag erlangte bald großen Ruf, wohl inFolge der Uebung, welche man im Spinnen der Baumwolle in Zürichbereits besaß und der Gefchicklichkeit der Flüchtlinge im Färben desGarns H. Hatten diese Letztem auch ihre Heimat verlassen müssen, so
Helvetischer Almanach von 1803.
2) Staatsarchiv. Quodlibet VII. 7.
3) Ferdinand Meyer: Die evangelische Gemeinde in Locarno, 1836.