4
liebenswürdig geäußert haben mag. Ein nichtiges Geschichtchen bezeichnetdas am besten. Das junge Mädchen erzählte einmal seinen Gespielen:In einen Kaufladen ohne Geld eingetreten, hätte sie eben einfach gesagt:„Ich bin die Jungfer Escher im Felsenhof", und damit sei es gut ge-wesen. Nun, nicht diese natürliche Rede, sondern der Ton derselben isteiner überlebenden Gespielin durchaus unvergeßlich geblieben. Und die-selbe Mathilde Escher wurde dann so herzlich demüthig! Wenn nicht, daßdieses von einem starken Naturell, wie nur scheint, unzertrennliche Selbst-bewußtsnn. zuweilen unwillkürlich hervortrat, freilich in sehr gemilderterForm.
„Mathilde" — berichtet unser Msc. — „wurde von einem HerrnPfarrer Wirz konfirmirt, einem trockenen Rationalisten. Auf den sittlichfein angelegten Charakter des Mädchens machte dieser Unterricht docheinen gewissen Eindruck und sie hing mit aufrichtiger Liebe und Verehrungan ihrem Lehrer. Die Gebildeten huldigten damals dem Rationalismusder Zeit in seinen verschiedenen Färbungen. Nur auf dem Lande fandman noch einfachen Bibelglauben. So erzählte Tante, daß in ihrerJugendzeit die Lehnsleute in der Schipf den Sonntag still mit Bibellesenzubrachten, was man ganz natürlich, wenn auch nicht nachahmenswerthfand."
Da der Vater und der Bruder fast jedes Jahr große Geschäftsreisenunternahmen und die Weltbreite offen vor ihnen lag, entwickelte sich auchin dem Mädchen, dem es keineswegs an Unternehmungsgeist fehlte, einefrühe Wanderlust, die Sehnsucht nach einem Blick über die Wälle Zürichshinweg in die weite Welt hinaus.
Dieser Mädchenwunsch fand seine Erfüllung. Mit zwanzig Jahrensah sich Mathilde Wien und Prag an. Mit zweiundzwanzigen hielt siesich länger als ein Jahr in Frankreich auf und kehrte über Paris heim.Die Fünfundzwanzigjährige folgt dann einer Einladung nach England,wo sie fast heimisch wird und sich mit der englischen Sprache auch etwasvon der englischen Sitte aneignet. Ueber alle diese Wanderfahrten sindTagebücher und aus den zwei letztem Briefe vorhanden, die uns die That-