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mochte neben dem kriegerischen Charakter desselben den besondern Grundhaben, daß die Metzgerzunft als Bestandtheil der Schützengesellschaft anjenem Tage eine Hauptrolle spielte. Aber bei der historischen Unsicherheitder Mordnacht selbst fällt natürlich auch jene Beziehung dahin; auchwürden die Tage nicht stimmen.
In Züri ch hat man dem Frühlingssest des S e ch s e l ä u t e n s,welches als Jahresfest der Zünfte erst in diesem Jahrhundert recht auf-gekommen und wahrscheinlich theilweise an die Stelle früherer Fastnacht-bräuche getreten ist, auch etwa die Erinnerung an die Mordnacht unter-geschoben, weil diese mit Einführung der Zunftverfasfung zusammenhängt.Aber schon daß das Sechseläuten auf keinen ganz bestimmten Tag undgewöhnlich etwa einen Monat später fällt als die Mordnacht fiel, zeigt,daß jene Beziehung auf keinen Fall eine ursprüngliche sein könnte. Das-selbe gilt aber auch von der sonst etwas besser begründeten und früherbezeugten Beziehung auf den am Aschermittwoch üblich gewesenen Metzger-umzug, auch genannt „Metzgerbraut", indem (wahrscheinlich erst durchBullinger) die Ansicht aufgebracht worden war, die Metzger haben zurAnerkennung für ihre in der Mordnacht bewiesene Tapferkeit das Rechterhalten, einen Löwen als Denkzeichen zu führen und denselben nebst einerdie Stadtfarben zeigenden Fahne alljährlich am Matthiastag in einemUmzug durch die Stadt zu tragen, später wenigstens noch am Fensterihres Zunfthauseö auszustellen. Da der Löwe (oder vielmehr dessenKopf, genannt „Jsengrind") als Sinnbild siegreicher Tapferkeit gedeutetwurde, so mußte ein Bär, der au einer Kette mitgeführt wurde, auf dieüberwundenen Feinde bezogen werden. Wahrscheinlich war aber der Bär,wie im Thierepos, der Vorgänger des Löwen selbst und, wie an Frühlings-festen anderer Orte, Sinnbild des überwundenen Winters gewesen. Ab-gesehen von der Bedeutung der Thiermasken ergibt sich aus BullingersBericht selbst (Chronik I, 8, 2), daß das Fest ursprünglich keinen histo-rischen Charakter trug, indein jene Thiergestalten von einer Menge mas-kirter Narren mit Schellen, Kuhschwänzen u. s. w. begleitet waren, wo-runter eine „Braut" und ein „Bräutigam", welche zuletzt in einen