Jahrgang 
8 (1887)
Seite
189
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Victor Hehn: Goethe und die Sprache der Bibel. 189

Schriftsteller sich eines abstracten Verstandesstiles bedienten,musste die dichterische Sprache der jungen rhein- undmainländischen Genossenschaft, die sich auf dem Natur-boden des Volkes und der Überlieferung hielt, als eine ebenso kernig-deutsche, wie hebräisch-biblische und griechisch-hebräische sich darstellen.

Anders stand es bei den romanischen Völkern: beidiesen war die Religion nicht so streng auf die Bibel ge-gründet und diese, als in der fremden lateinischen Sprachebelassen, ein verschlossener Schatz: ihre Geschichten wur-den zwar an die Mauer und auf die Leinwand gemalt,aber der formale Einfluss ihres Wortlautes 1 auf die lebendeSprache konnte nur ein verhältnissmäßig geringer sein.

Aus »Dichtung und Wahrheit« ist bekannt, wie Goethean und mit der deutschen Bibel aufgewachsen w T ar. Ersagt im 7. Buch: »Ich für meine Person hatte die Bibellieb und werth: denn fast ihr allein war ich meine sittlicheBildung schuldig, und die Begebenheiten, die Lehren, dieSymbole, die Gleichnisse, Alles hatte sich tief bei mireingedrückt und war auf eine oder die andere Art wirksamgewesen«, und bei Gelegenheit des Conflicts seiner oberdeut-schen Mundart mit der galanten Leipziger und angeblich alleinrichtigen Meissner Sprechweise, Buch 6: »mir sollten dieAnspielungen auf biblische Kernstellen untersagt sein,sowie die Benutzung treuherziger Chroniken-Ausdrücke.Ich sollte vergessen, dass ich den Geiler von Kaisersberggelesen hatte, und des Gebrauchs der Sprichwörter ent-behren, die doch, statt vieles Hin- und Herfackelns, denNagel gleich auf den Kopf treffen«. Ähnliche Aussagenenthalten auch die Anmerkungen zum Westöstlichen Divanan verschiedenen Stellen. Dass nun Goethes Jugendschriftenvoll biblischer Anklänge sind, erklärt sich daraus leicht,aber auch in der folgenden Periode, der Zeit des hellenisch-idealen Stiles, tritt uns nicht selten ein Bild oder eineWortverbindung entgegen, die dem hebräisch-christlichenAnschauungs- und Sprachkreise angehört. Es war ja eben