Victor Hehn: Goethe und die Sprache der Bibel.
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ihm — so haben alle diese und viele andere umlaufendenWorte und festen Formeln ihre Quelle in Luthers Bibel,auf deren Sprache ja auch das Kirchenlied und derStil jeder geistlichen Rede sich gründeten und nochgründen.
Wie weit nun auch der eigentliche deutsche Sat^bauaus dem noch sehr elementaren der hebräisch-griechischen,lateinischen und deutschen Bibel sich hervorgebildet hat —dies zu ermitteln würde eine feine und lange Beobachtungund Untersuchung erfordern. Indess, da das Volk nichtschrieb, und auch die Frauen nicht, so war auch das syn-taktische Gefüge, wie es im 18. Jahrhundert sich festgestellthatte, mehr das Werk der Bildung, bewusster Kunst, deserwachten logischen Denkens, die Arbeit gelehrter Nach-ahmer. Das Lateinische und Französische, diese in derKultur vorangegangenen, scharf in Syllogismen entwickeltenund wie zu Krystallen gefrorenen Sprachen gaben auch demdeutschen Schreiber das Muster und Vorbild ab. Bei Luthersind die Conjunctionen noch sehr dürftig und unbestimmt,die Interpunction eine bloss allgemeine, unentschiedene, dasVerhältniss der Satzglieder schwankend, selbst die Wort-folge noch nicht geregelt. Auch darin folgt Goethe gernder Sprache des 16. Jahrhunderts und der Bibel. Wenn esz. B. heisst: »Nehmet wahr der Lilien auf dem Felde, wiesie wachsen, sie arbeiten nicht, so spinnen sie nicht« oder:»der Herr hat alles Land in unsere Hände gegeben, auchso sind alle Einwohner des Landes feig für uns«, so sagtauch der Fremde zu Wilhelm Meister 1,17: »von Bronzenbesass er eine sehr instructive Suite, so hatte er auch seineMünzen zweckmässig gesammelt« und nicht anders dasLied der Bauern im Faust:
Schon um die Linde war es voll
Und alles tanzte schon wie toll,
So ging der Fiedelbogen.
Und wenn wir 2 Sam. 14,13 lesen: » dass er seinen Verstossenen