Jahrgang 
8 (1887)
Seite
208
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Abhandlungen.

gleichgültig liess es Niemanden in Frankreich, und nicht blosFrauenherzen wurden von ihm mächtig ergriffen. Selbst indie Sprache dieses Landes bürgerte sich der Held des viel-gelesenen Romanes allmählich ein, um als typische Figur einengefühlvollen und unglücklich Liebenden zu bezeichnen. Sosagte schon im Jahre 1825 ein Kritiker: »le Bug-Jargal deVictor Hugo est amoureux comme Werther«. In ähnlicherBedeutung wurde auch wertheriser und wertherisme gebraucht.Von Frankreich endlich ging die früheste Vermittlung Werthersnach England aus.

Und all diese mächtige Wirkung, welche am Königshofenicht minder als in den anderen Kreisen hervorgebrachtwurde und welche in F'rankreich weit länger hinaus als inDeutschland währte, brachte der Werther trotz der wenigbestechenden Form hervor, in welcher das künstlerisch sovollendete deutsche Werk durch die Schuld der frühestenÜbersetzer dem überrheinischen Publicum vorgeführt wordenwar. Längere Zeit sogar hatte bei den Franzosen das Vor-urtheil geherrscht, als sei der Stil dieses Romanes voll Wunder-lichkeiten und Spitzfindigkeiten. Dies führt uns zu der ein-gehenden Besprechung der wichtigsten Übertragungen, welchevon den »Leiden des jungen Werthers« in langer Reihe unter-nommen wurden.

a) Übersetzungen Werthers.

Trotz des vermehrten Interesses nämlich, welches im Ver-gleiche zu den früheren Zeiten der deutschen Sprache damalsin den gebildeten Kreisen entgegengebracht wurde, gab esdoch nur wenige Franzosen, welche im Stande waren, dieseSchöpfung ungeachtet der lichtvollen Klarheit des Ausdruckesim Urtexte selbst zu lesen. Der früheste Versuch einer fran-zösischen Übersetzung wurde schon im Jahre 1775 in Berngemacht, wie Haller in einem Briefe an Gemmingen erwähnt 1 .Näheres aber ist hierüber bis jetzt nicht bekannt geworden.

Die zwei frühesten, wirklich erschienenen Übertragungenfallen in das Jahr 1776, also zwei Jahre nach Veröffentlichungdes deutschen Originals. Freilich wurden dieselben theilswenig, theils langsam jenseits des Rheines bekannt. Von dererstem ist dies auch gar nicht zu bedauern. Denn deräussere Vorzug, die früheste Übersetzung zu sein, ist auchder einzige, den sie bietet. Der Verfasser war der deutscheKammerherr K. S. von Seckendorffin Weimar, welcher übrigensseinen Namen auf der in Erlangen 1776 erschienenen Über-setzung »les Souffrances du jeune Werther« nur mit Initialenangedeutet hatte. In der in dem Vorworte ausdrücklich er-wähnten und wohlgemeinten Absicht, dem Genie Goethes

1 Vgl. A. von Hallers Gedichte .... von L. Hirzel, S. CDLXXXII..