Jahrgang 
9 (1888)
Seite
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Briefe an Goethe von Wilhelm Grimm.

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doch eine gewiße Gleichgültigkeit derjenigen zu, welchesie nicht gerade als Handwerk treiben, wenigftens denkensie, eine größere Theilnahme für die Zeit zu sparen, woder Gewinn für die Bildung im Ganzen sich erft leicht undsicher ergeben würde und wo man ohne Gefahr zu vieloder zu wenig zu thun, ihr den gebührenden Platz in demKreise anweisen kann. Bis ietzt ift es unter den Gelehrtenerlaubt, gar wohl schicklich, sie ganz zu übersehenund fürs erfte gar nichts davon wißen zu wollen, sodaß schon eine besondere Lebendigkeit und Freiheit desGeiftes dazu gehört, um zu fühlen, daß sie beachtet zuwerden verdiene. Die alte Literatur hatte bei ihrem Wieder-erwachen den großen Vortheil von Fürften, welche dieGelehrsamkeit mit andern Augen betrachteten, als es inder Gegenwart bei den meiften der Fall ift, begünftiget zuwerden; dann aber auch den nicht geringem, daß die Aus-bildung derselben mit der Ausbildung überhaupt fortschritt,sie also gewiße natürliche Stufen erlebte und ftets im Zu-sammenhang und als ein Ganzes weiter rückte. Es erscheintals ein großer Gewinn und es ift auch einer, daß dieseneue Literatur sich gleich an den Muftern, die dort vor-handen, aufbauen kann, allein es liegt auch darin ein nichtzu leugnender Nachtheil, daß sie zu schnell zum Mannes-alter springt und jenes umfaßende und wärmende Gefühlder Jugend oder gar wohl der Kinderzeit verliert über ein-zelne an sich treffliche und geiftreiche Arbeiten. Alles wasdauern und halten soll, muß wie edle Pflanzen langsamwachsen. Welch ein Unterschied ift nicht zwischen derHerausgabe eines Gedichts in Müllers oder auch von derHägens und Büschings Sammlung und der neuften critischenBearbeitung des Bonerius von Benecke und doch liegenzwischen den letztem Arbeiten nur acht Jahre. Kommtnicht anderweitige Hilfe, so wird es noch lange dauernbis nur eine Seite, um das Hauptsächlichfte zu nennen, diedeutsche Heldensage, als ein Ganzes wird überschaut werdenkönnen. Diesem Mangel scheint nur ein geselliges Arbeiten