Briefe Arthur Schopenhauers.
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Irrthümer und unsäglichen Verkehrtheiten entsprungen zuseyn, davon die Theorien und Philosophien so voll sind.Man fand die Wahrheit nicht, bloß darum daß man sienicht suchte, sondern ftatt ihrer immer nur irgend einevorgefaßte Meinung wiederzufinden beabsichtigte, oderwenigftens irgend eine Lieblingsidee durchaus nicht ver-letzen wollte, zu diesem Zweck aber Winkelzüge gegenAndere und sich selbft anwenden mußte. Der Muth keineFrage auf dem Herzen zu behalten ift es der den Philo-sophen macht. Dieser muß dem Oedipus des Sophoklesgleichen, der Aufklärung über sein eignes schrecklichesSchicksal suchend, raftlos weiter forscht, selbft wenn erschon ahndet daß sich aus den Antworten das Entsetz-lichfte für ihn ergeben wird. Aber da tragen die Meiftendie Jokafte in sich, welche den Oedipus um aller Götterwillen bittet, nicht weiter zu forschen: und sie gaben 1 ihrnach, und darum fleht es auch mit der Philosophie nochimmer wie es fleht. — Wie Odin am Höllenthor diealte Seherin in ihrem Grabe immer weiter ausfrägt, ihresSträubens und Weigerns und Bittens um Ruhe ohngeachtet,so muß der Philosoph unerbittlich sich selbft ausfragen.Dieser philosophische Muth aber, der Eins ift mit der Treueund Redlichkeit des Forschens, die Sie mir zuerkennen,entspringt nicht aus der Reflexion, läßt sich nicht durchVorsätze erzwingen, sondern ift angeborne Richtung desGeiftes. Mit meinem Wesen innig verwebt, zeigt jene Treueund Redlichkeit sich nebenher auch im Praktischen undPersönlichen, so daß ich häufig mit Wohlbehagen erfahre,wie fall nie ein Mensch Mistrauen gegen mich hegt, viel-mehr faft Jeder ohne alle nähere Bekanntschaft mir ganzund gar vertraut.
Diese Eigenschaft (über die ich fürchten müßte zuselbftgefällig mich ausgelassen zu haben, wenn nicht Ehr-lichkeit das Einzige wäre das Jeder von sich rühmen darf)
1 Vielleicht verschrieben statt: geben.