Goethes Arbeit an »Hermann und Dorothea«. 205
»Mein Gedicht ift fertig; es befteht aus 2000 Hexameternund ift in neun Gesänge getheilt«. Die wirkliche Durch-führung der neuen Eintheilung der Dichtung lässt sichdemnach einschliessen in die Zeit der letzten März- undder ersten Aprilwoche 1797, wahrscheinlich erfolgte siewährend der Anwesenheit W. von Humboldts in WeimarAnfang April.
Diese Feststellung ist wichtig für die Bestimmung derEntstehungszeit der im Goethearchiv zu Weimar vorhan-denen Handschrift von »Hermann und Dorothea«. Dadiese die ganze Dichtung und zwar in sechs Gesängen ent-hält, während die spätere Eintheilung in neun Musen mitden doppelten Überschriften erst durch Korrektur einge-tragen ist, so kann sie nicht später als Anfang April 1797,natürlich auch — wenigstens hinsichtlich der neu entstan-denen Abschnitte des Gedichts — nicht früher als in derzweiten Hälfte des März entstanden sein, wozu die Notizdes Tagebuchs vom 21. März: »Anfang zur Abschrift derdrey .letzten Gesänge« vortrefflich passt.
Übrigens geschah, wie wir aus der Handschrift ersehen,die Verwandlung der sechs Gesänge in neun auf die ein-fachste Weise, indem drei der alten Gesänge, der dritte,vierte und sechste, in je zwei neue zerlegt wurden.
Als weitere Folge ergibt sich aus diesen Feststellungen,dass das Epos so wenig in der Composition wie im Üm-fang bei der Durcharbeitung wesentliche Veränderungenerlitten haben kann. Die sorgfältige Feilung, die der Dicliterihm angedeihen liess, erstreckte sich im Wesentlichen nurauf den Ausdruck und die metrische Vervollkommnung.In den Hauptzügen ging das Gedicht fertig und vollendetaus dem Geiste seines Urhebers hervor, nachdem es instillem Sinnen zur schönsten Reife gediehen w'ar.
In der That ist nur für wenige Stellen eine weiter-greifende Veränderung nachweisbar. Eine nachträglicheAusgestaltung wird der Schluss erfahren haben, wo dieErzählung Dorotheens von ihrem ersten Bräutigam unddie patriotische Rede Hermanns dem ersten Entwurf gefehltzu haben, jedenfalls nicht in der jetzigen Gestalt vorhandengewesen zu sein scheint. Der Bericht Böttigers über dieVorlesung vom 15. April 1797, der sonst auch auf Einzel-heiten genau eingeht, hebt diese wichtigen Momente nichtbesonders hervor und schliesst mit den Worten : »Hermann,die Mutter springen dazwischen. Alles entwickelt sich.Die letzten hundert Verse ein treffliches Nachhallen undBesänftigen«. Goethe schreibt noch am 3. Juni an Schiller:»Möchten uns doch die Neune, die uns bisher beigestandenhaben, bald noch zum epischen Schweife verhelfen«, worauf