Jahrgang 
10 (1889)
Seite
228
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Abhandlungen.

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dass eines Menschen Leben sie erschöpfen könnte; und ihrPreis ist kein Loos, das nur allein auf seinen Auserwähltenfällt; ihr Licht zerspaltet sich vielmehr in tausend Strahlen,deren Wiederschein auf mannigfache Weise von den grossenKünstlern, die der Himmel auf die Welt gesetzt hat, inunser entzücktes Auge zurückgeworfen wird«. Und wiein Goethes »Apotheose« neben der Natur auch das Studiumder Kunst verlangt wird, so feiern auch die Herzens-ergiessungen in Leonardo da Vinci 1 nicht das blinde Genie,sondern das Muster in einem wahrhaft gelehrten und gründ-lichen Studium der Kunst und das Bild eines unermüdlichenund dabei geistreichen Fleisses: »an ihm mögen die lehr-begierigen Jünger der Kunst ersehen, dass es nicht damitgethan sei, zu einer Fahne zu schwören, nur ihre Handin gelenkiger Führung des Pinsels zu üben, und mit einemleichten und flüchtigen After-Enthusiasmus ausgerüstet,gegen das tiefsinnige und auf das wahre Fundament ge-richtete Studium zu Felde zu ziehen« . . . Alle diese Sätzeaber kehren dann in Tiecks Sternbald wieder . 2 Und wiein Goethes Apotheose die verschiedenen eintretenden Figurenden Jünger belehren, wie Sternbald durch Lucas Cranachseine Unterweisung erhält: so wird Novalis Ofterdingennicht allein durch die Liebe, sondern auch durch die theo-retische Unterweisung Klinschors zum Dichter aufgeklärt.Seine Anleitungen beziehen sich, wie die des Meisters inder Apotheose, auf das Handwerk der Kunst, die technischeGeschicklichkeit. Er lehrt ihn mit den Mitteln der Kunst,besonders mit der Sprache, wirthschaften. Poesie, sagt erin Uebereinstimmung mit Goethe (»die Kunst bleibt Kunst«),will als strenge Kunst getrieben sein, als blosser Genusshört sie auf Poesie zu sein. Er warnt, wie Lucas Cranachden Sternbald, vor der Begeisterung ohne Verstand . . .Den zweiten Theil, welcher den Helden als Dichter erklärenund die »Apotheose« der Poesie enthalten sollte, hat Novalisbekanntlich nicht vollendet.

Eine nicht uninteressante Nachbildung von GoethesKunstgedicht ist aus der romantischen Zeit auch in der

1 S. 62 f.

2 Vgl. a. a. O. Vgl. 1. Band, Buch 2, Kapitel 1 und 2. II. Band,

Buch 1, Kapitel 2 (bes. S. 266: »Soll denn ein Mann allein die Kunst

und alle Trefflichkeit erschöpft und beendigt haben, so dass mit ihm,nach ihm kein andrer nach dem Kranze greifen darf?«). II. Band,

Buch 2, Kapitel 5 (bes. S. 401: »Ihr seyd noch jung, wenn Ihr weiter

kommt, werdet Ihr statt der Künstler die Kunst verehren und einsehn,wie viel noch einem jeden gebricht«).