Jahrgang 
auf das Jahr 1883 (CFM 1132)
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Gegen den Vorwurf der Verschlagenheit nimmt der Verfasser dieBauern ebenfalls in Schutz.Ein Betrüger findet allemal zehn Andere,die seine That verabscheuen so weiß ich nicht, mit welchem Grundeich diese Zehn mit ihm in eine Reihe setzen dürfte." Eine besondereTugend der Bauern aber ist die Nächstenliebe, speziell die Bar m-herzigkeit. In Almosen an Geld stehen sie den Städtern weit nach ;aber was sie haben (Brod, Gemüse, Kleidungsstücke), geben sie gerne.Viele Bauernweiber haben die Gewohnheit, ein Stück Brod mit sich zunehmen, wenn sie ausgehen; sie geben es dem ersten Armen, den sie an-treffen. Es sind in der Gemeinde etwa dreißig arme Haushaltungen;diese dürfen sich anmelden, wo sie wollen, man schlagt ihnen nie Etwasab. Kein fremder Armer, deren es doch jährlich bei Tausenden gibt,wird ohne die größte Noth weggewiesen; des Sommers plazirt man ihnauf das Stroh, der Winters in die Stube; er bekommt sein Nachtessen,am Morgen abermals eine Suppe, und es ist ein höchst seltener Fall,daß solche Leute etwa genöthigt werden, unter freiem Himmel oder aufKosten des Kirchcnguts in dem Wirthshause zu übernachten'). Kömmtein Gemeindsgenosse in Unglück, gleich ist Jedermann bereit, ihm beizu-springen. Während der Amtszeit des Referenten (1764) fand in Opfikonein starker Brand statt. Am folgenden Morgen wanderte Jeder miteinem großen Brod dorthin, und sowie es hieß, in der Scheune desKirchenpflegers werden Liebesgaben für die Brandbeschädigten in Empfanggenommen, strömten sie so schnell und reichlich zusammen, daß man schonnach Verlauf einer Stunde zwölf Wagen mit Heu, Stroh, Korn, Rog-gen, Samen, Gemüse, Kleidern, Bettstücken, Möbeln rc. fortführen konnte.Die eigentliche Steuer an Holz und Geld geschah erst hernach. Aneinem Erntesonntag hörte der Vikar in der Nachbarschaft einige Psalmensingeneine fast allgemeine Gewohnheit auf dem Lande" und alser sich zu ihnen gesellt, um mitzusingen, erfährt er zu seiner Freude, daß

') Damals ging die Obrigkeit noch kräftig gegen die Landstreicher vor;heute fürchten sich die Leute vor ihnen.