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vor der Revolution lagen vor mir solche Beschreibungen der GemeindenSchöfflistorf 1783, Henggart 1783, Seuzach 1783, Wyl bei Rafz 1784,Anfingen 1785 und Schilderungen der Verhältnisse in den Gemeindendes Thurgau und Toggenburg. Eine Reihe von Aufsätzen anderer Art,aber aus derselben Zeit, bieten hiezu noch eine erwünschte Ergänzung.
Meine Aufgabe wird nun, nachdem ich den Leser durch die erstenAufsätze schrittweise hindurchgeführt habe, die sein, auf Grund des ge-nannten geschichtlichen Materials in kurzen Zügen ein möglichst getreuesGesammtbild zu zeichnen.
Dabei ist vor Allem in's Auge zu fassen, wie vor hundert Jahrennoch viel mehr als heute die Bewohner verschiedener Landesgegendcn ihrenverschiedenen Charakter hatten, wie Regiernngsform, Beschäftigungsart,größere oder geringere Nähe der Residenz ihren großen Einfluß auch aufdas religiös-sittliche Leben ausübten. Ob Bauern- oder Fabrikgemeinden,ob abgelegen oder in verkehrsreicher Gegend, ob in den Bergen oder imFlachland, das kommt ja noch heute für den religiös-sittlichen Zustandsehr bedeutend in Betracht, wie viel mehr noch in einer Zeit, wo derVerkehr sich auf ein Minimum beschränkte und wo jede Herrschaft ihrebesondern Gesetze und Gebräuche hatte. Es ist lehrreich, bei diesem Punktetwas zu verweilen.
Schon im vergangenen Jahrhundert werden nicht etwa nur die heutenoch in Kraft bestehenden Unterschiede zwischen Thnrgauischer und Zür-cherischer, Rafzerfelder und Wehnthäler-, Oberländer- und Weinländer-Artnamhaft gemacht, es wird auch hingewiesen aus besondere Eigenthüm-lichkeiten einzelner Gemeinden. So schreibt der Pfarrer von Heng-gart: „Es ist mir auffallend, daß alle die alten Einwohner des Dorfes,die hier aufgewachsen sind, einen scharfen Blick, ein starres Gesicht, einenernsten Ton, einen gesetzten Gang haben. Man siehet sie für sehr trägeund verdrießlich an; die Hände hängen so herunter, als wäre keine Kraftin ihnen, die Füße schwanken. Nie sieht man Einen von ihnen laufen;nie hört man Einen aus vollem Halse lachen oder auf dem Felde singenoder auch im Rausch jauchzen; auch im Rausch wissen sie, was sie reden