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Die Pestepidemien im Fürstbisthume Basel / von Dr. Schenker in Pruntrut
(Schweiz)
Entstehung
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So viel Berechtigung von sanitätspolizeilichem Standpunkt ausdie Uebenvachung des herrenlosen Gesindels hatte, so roh wardie Maassregel und deren Ausführung und es werden Viele zurück-geblieben sein, die nicht gefunden wurden und gerade die gefähr-lichsten und routinirtesten Gauner. Die österreichische Regierung,welche ähnliche Hetzjagden veranstalten liess, lieferte die in denösterreichischen Landen zusammengetriebenen Bettler, Strolche,Zigeuner in ihre Festungen, wo sie zu Schanzarbeiten verwendetwurden. Allein nachher mussten sie Uhrfehde schwören, wur-den des Landes verwiesen und im Wiederbetretungsfall gehängt.2) Fremde und ausländische Bettler wurden an ihre Geburtsortegewiesen; 3) das öffentliche Betteln abgestellt; 4) fiir die Altenoder Leibesschwachen soll der Ort sorgen, wo sie geboren oderauferzogen worden; 5) soll in jedem Ort für dieselben je nachStand und Vermögen zu ihrem Unterhalt eingesammelt werden;6) dies gilt aber nur für orlsangehürige Bettler, Fremde sollensogleich nach ihrem respecliven Ort dirigirt werden.

Man kann sich leicht vorstellen, welche Rückwirkung die imJahr 1720 mit furchtbarer Macht in Marseille und der Provence überhaupt ausgebrochene Pest auf das übrige Frankreich , Deutsch­ land , Italien und die Schweiz hatte, deren Handelshäuser, beson-ders auch Basel in erster Linie, mit Marseille und Lyon in direc-lester und nächster Beziehung standen und wie Frankreichs undder nächst angrenzenden Länder Handel durch die entsetzlicheSeuche, die Marseille allein 60,000 Menschen kostete, dadurchSchaden erleiden musste. Während dieser provenfalischen Pest-epidernie traten meines Wissens zum ersten Male Mililärcordonsius Leben, wodurch man iulicirte Städte und Provinzen abschlossund die Sclnveiz, wie Deutschland , Italien , Oesterreich, verfügtendie genauesten Sperren. Wir haben über diese Marseiller Pest imfürstbischöflichen Archiv eine Reihe von öffentlichen und Prival-documenten aufgefundeu, welche wir hier, trotzdem sie sehr vielInteressantes darbieten, nicht berühren können, da es uns zu weitführen könnte; sie würden Stoff genug zu einer neuen Arbeit liefern.

Doch ein diplomatisches Nachspiel zu dieser grossen Tragödiemüssen wir hier etwas genauer beschreiben, das uns beweist, wieSanitälsanstalten, so gewissenhaft sie auch ausgeftihrl werden, undgerade desshalb, handelspolitische Interessen oft verletzen müssen