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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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dem Antrieb der Sterne kann das Volk eine neue Ordnungschaffen; wann dieser Antrieb geschehen werde, das sagt dieAstrologie». In solcher Weise wurde das Jahr 1525 als ein kri-tisches prophezeit.

Grossartiger und kräftiger ergehen sich die Gedanken in derumfangreichen Revolutionsschrift, die zu Beginn des sechszehn-ten Jahrhunderts im Ober-Elsass oder im Breisgau verfasstworden ist. Für den Verfasser dieser Schrift ist das Eisass derMittelpunkt der Welt. Es ist ein Rosengarten und irdisches Pa-radies. «Unter allen climata ist kein so fruchtbares mit stettenund luten denn das schonest Elsas; der boden ist gülden; woman daz ertrich werchet in dem Rin, do find man daz best gold;die berg um das Elsas sind vol silbers und edels gesteins; vilstett und schlos, wol mit stritbaren luten besetzt; schöne frucht,gut win und körn, fleisch und fisch». In diesem Lustgarten nun,mit wiederholter deutlicher Bezeichnung einzelner Oertlich-keiten, schreibt der Ungenannte seine bittre hasserfüllte Schil-derung der Zustände in Reich und Kirche. Alles Bestehende istso schlecht, dass es zertrümmert werden muss. Eine gewaltsameReformation des Staates, der Kirche, der ganzen Gesellschaftwird kommen; sie wird geschehen durch das Volk unter Füh-rung des Messiaskaisers Friedrich, des Königs vom Schwarz-walde. Nicht auf friedliche Weise, sondern blutig, grausam, mitTotschlägen aller Priester u. dgl. Da wird eine neue Ordnungalles Lebens sein, ohne Leibeigenschaft, mit gleichem RechteAller auf Wasser, Wald und Weide, überhaupt mit Güter-gemeinschaft, mit Säcularisation des Kirchengutes, mit Einzie-hung auch aller andern grossen Vermögen usw. Darum mögesich der Arme erheben und alle Bosheit strafen. «Wer einenBösen totschlägt, der ist ein Diener Gottes . Fanget bei denHäuptern an und höret nicht auf zu strafen vom Papst bis zuden kleinen Schülern. Schlaget sie Alle tot! Bald werden wirBlut für Wein trinken!»

Dieses grosse Revolutionsprogramm des Oberrheiners, in derGrellheit seiner Schilderungen, in seinem Hass und Zorn, lässtuns die Stimmung würdigen, die damals in den Massen schonherrschte und dann durch Fanatiker und Propheten dieser Artnoch befestigt wurde. Alle glaubten an die Notwendigkeit einer

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