Aber unverkennbar bewirkte dieses Verhalten auch eine zuneh-mende Schwächung des Gefühles für das Reich, des reichsstäd-tischen Empfindens. In besonderer Weise konnten zu solcherIsolierung beitragen Vorfälle wie jener im Juli 1635, da Strass burg offen auf Seite des Reiches zu treten bereit war, der Kaiseraber auf der Rückgabe der Güter an die katholische Kirche be-stand, oder wie die beleidigende Uebergehung der Stadt bei denEinladungen zum Reichstag im Jahre 1640.
Auf der anderen Seite waren die Beziehungen Strassburgszu Frankreich . Offenbar durch diesen Staat eifriger gepflegt undgestärkt als durch die Stadt. In der mit dem Deutschen Reichund der Rheinlinie sich beschäftigenden französischen Politikhatte Strassburg seine bestimmte Würdigung, und dass dem-gemäss Frankreich diplomatische Agenten hier residieren liess,ist schon erwähnt worden. Seit dem Jahre 1658 hatte JohannFrischmann diesen wichtigen Posten inne. Durch die Person desResidenten war auch das grosse offizielle Frankreich dem Ge-meinwesen Strassburg nahe gerückt, und so fehlen auch nichtdie Zeichen eines beflissenen Verkehres in allerhand Höflich-keiten, kommerziellen Verhandlungen usw. Auch bestand un-zweifelhaft eine entschieden französisch gesinnte Partei in derStadt. Dennoch überschätzen wir den Einfluss Frankreichs undseiner Vertreter nicht. Die Empfindung des Fremden, des Gegen-sätzlichen war doch zu stark, das Gefühl der Nützlichkeit vonNeutralität gerade nach dieser Seite hin besonders wirksam.
So schliesst sich Strassburg hier wie dort ab. Es beteiligtsich nirgends. Es will nur Strassburg sein. Mitten im Getöse vonErschütterungen der ganzen Welt lassen Selbstgenügsamkeit undSelbstsucht die einst stolze Republik immer engeren kleinerenSinnes werden.
In diesem Zustand erlebt sie nun auch ihre letzte Zeit,die an Schwierigkeiten, Prüfungen und Versuchungen reichen1670er Jahre. Was dieses Jahrzehnt, für Strassburg mit derZerstörung der Rheinbrücke durch Conde im November 1672 ein-geleitet, dem Eisass gebracht hat, ist uns bekannt. Strassburg hilft sich zunächst durch mit dem alten Mittel der Neutralität, soschwer verständlich auch diese Haltung einer Reichsstadt ist,während ringsum das Land im Reichskriege steht. Es ist eine
289
19