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Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
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man eine Karte von Frankreich betrachtet und die GeschichteLudwigs XIV. liest, erscheint die Eroberung des Eisass nicht in demLichte, als wenn man das Land selbst bereist. Dass ich über einegrosse Reihe Berge musste und dann in eine flache Ebene kam,worin ein Volk wohnt, welches sich in Sitte, Sprache, Ideen, Vor-urteilen und Kleidung gänzlich von den Franzosen unterscheidet,das machte einen stärkeren Eindruck auf mich, als ich bei demLesen eines so ungerechten, ehrsüchtigen Verfahrens empfundenhatte. So ungleich mächtiger wirken Sachen als Worte». Youngreiste das Land hinauf. «Sobald man in dieser Gegend aus einergrossen Stadt kommt, ist alles deutsch . Die Wirtshäuser habenein gemeinschaftliches grosses Zimmer, und in demselben stehenviele schon gedeckte Tische, woran jede Gesellschaft für sich isst.Auch die Kocherei ist deutsch ». Er betrat auch das rechte Rhein-ufer. «Dann ging ich über den Rhein in ein kleines Stück vonDeutschland ; aber man sieht hier keine Spuren von Verände-rung. Das Eisass ist deutsch und die Veränderung nur danngross, wenn man von den Bergen herunterkommt». Ein Süd-franzose endlich, der im ersten Jahre der Revolution das Eisassbereiste, urteilte: «Ce pays tient beaucoup ä la langue, aux moeurs,prejuges, superstitions et usages allemands. Le peuple ne sait quela langue germanique».

Alles, was uns in dieser Weise als Deutschheit des Elsassessich bezeugt, ist Gewohnheit und Lebensbrauch und vor allemächte angeborne Natur. Es hat mit nationalem Empfinden nichtszu tun, soweit von solchem damals überhaupt geredet werdenkann. Das Eisass gehört politisch zu Frankreich , ist als deutschesLand durch Frankreich beherrscht und mit dieser Beherrschungim Allgemeinen zufrieden.

Daher kommt auch seinen so zahlreichen und vielartigenBerührungen mit Deutschland keine grundsätzliche Bedeutung zu.

Wir vernehmen von Reisen vieler junger Elsässer nachDeutschland , woselbst «sie wieder aufs neue mit dem Charakterihrer Vorfahren bekannt werden»; auch von der starken deut­ schen Einwanderung in die elsässischen Städte, «wodurch deralte germanische Geist immerzu erhalten und fortgepflanzt wird».Aber auch von Auswanderung ist zu reden. So verlassen nach derAnnexion Strassburgs drei Professoren und Politiker dieser Stadt

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