Buch 
Geschichte des Elsasses / von Rudolf Wackernagel
Entstehung
JPEG-Download
 

Nur einmal wurde in diesem deutschen Gemeinbewusstseindes Elsasses etwas Besonderes rege: die Begeisterung für Fried-rich den Grossen. In Liedern, Flugblättern, Schaustellungen undVeranstaltungen verschiedenster Art zeigte sich die ausserordent-liche Volkstümlichkeit des Preussenkönigs bei den Elsässern, imBesondern bei den elsässischen Protestanten; dass auch Frank­ reich unter den Feinden Friedrichs im Siebenjährigen Kriege war,hinderte diese Kundgebungen nicht. Meldete sich eine Reichs-gesinnung, ein politischer deutscher Nationalgeist? Das alle Ge-müter Erregende war doch vor Allem die Persönlichkeit desgrossen Königs. Auch Goethe stand damals in Strassburg mittenin dieser Begeisterung: «Von Norden her leuchtete uns Fried-rich, der Polarstern , um den sich Deutschland , Europa , ja dieWelt zu drehen schien».

Im Uebrigen haben wir in diesen mancherlei Berührungender Elsässer mit Deutschland , wie gesagt, nichts Anderes zu er-kennen als die natürlichen Aeusserungen angestammten Wesens,Aeusserungen der Zugehörigkeit zur deutschen Kulturnation.

Es ist eine Stimmung und ein Zustand, die mit der poli-tischen Lage des Landes so gut vereinbar sind wie auf der andernSeite die aktive Teilnahme einzelner Elsässer an französischen Staatsdingen: als Prätoren, als Räte des Conseil Souverainu. dgl. m., sowie durch den Dienst in der französischen Armee,im Ministerium und in der Diplomatie. Auf dem letztgenanntenGebiete werden uns namentlich bemerkbar der Baron vonMackau , ein geborner Strassburger , der von 17571763 Gesand-ter Frankreichs beim Reichstag in Regensburg ist, und der ihmweit überlegene Christian Friedrich Pfeffel von Colmar (1726 bis1807), Bruder des Fabeldichters. Dieser Gelehrte und Staats-mann repräsentiert in lebendiger Weise die Zweiseitigkeit derelsässischen Interessen; er beginnt die Diplomatenlaufbahn inSachsen und geht dann in den französischen Dienst über; erarbeitet am Reichstag; in München , «als Leiter der Akademie derWissenschaften und Ratgeber des Kurfürsten, besorgt er unterder Hand die Geschäfte Frankreichs »; im Jahre 1768 wird er alsjurisconsulte du Roi ins Ministerium nach Paris berufen; seinengrossen diplomatischen Erfolg für Frankreich erringt er im Jahre

351