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Bildungsvorträge aller Art abhielten. Und wenn wir heute nacheinem greifbaren Ergebnis ſuchen, uns bemühen, jene Kräfte, dieaus dieſer Bidungsarbeit hervorgegangen ſind, zu finden, mirdunſer Beſtreben gar oft vergebens fein, es wird ſich zeigen, daßdieſe Kräfte fehlen.
Wo liegt die Schuld an dieſem offenſichtlichen Mißerfolg derBildungsarbeit? Sie liegt an den Methoden, daran, wie in denmeiſtem Sektionen vorgegangen wird. Da ſehen wir vor allemeine Syſtemsloſigkeit ſondergleichen. Heute die Kreuzzüge, mor—gen der Zukunftsſtaat, übermorgen unſer Verhältnis zur Kirche,dunn wieder über die Utopiſten— ſo wird wahl. und quallos alleszuſammengewurſtelt und das Reſultat diefer— Allgemeinbiloung,wie man das Kind fo ſchön getauft hat iſt gleich null.
Zum zweiten aber iſt es die Art, wie vorgetragen wird, derein gewaltiger Einfluß auf das Endreſultat zufällt. Und geradeda wird ſchwer geſündigt. Da Kommt irgend ein Referent in eineSektion, klopft ſeine Sprüche, läßt ſich beweihräuchern und be—klatſchen und geht heim in dem frohem Bewußtſein, ſein Scherf:lein beigetragen zu haben an bie ſoziale Erziehung der Menſchen—finder, die ihm zuhörten. Womöglich hat er ſich erſt im Eiſen—bahnwagen auf ſeine Aufgabe vorbereitet— was tuts, man kannja ſehr gut ſeine Unwiſſenheit mit großem Worten verdecken!Irgendwo ſagt Kant, nur derjenige könne etwas auf eine populäreWeiſe vortragen, der es auch gründlich vortragen könnte. Um—gekehrt will es mir ſcheinen, daß es gar keine ſo große Kunſt iſt,ein Thema mit anſcheinend großer Gelehrſamkeit zu behandeln.ohne daß der innere Gehalt ein allzu großer wäre. Und dieſeOberflächlichkeit iſt es, gegen die einmal energiſch Front gemachtwerden muß. Man muß abfahren mit der Auffaffung, daß fürdie Jugend ein jeder gut genug iſt. Wie oft ſehen wir, daß Ge—noſſen, die ja gewiß einen guten Willen haben, aber in GottesNamen nicht über die nötigen Kenntniſſe verfügen, hinausgehenaufs Land, um dort eine Pſeudobildungsarbeit zu leiſten, dieſchließlich nicht nur für ihre Zuhörer, ſondern auch für ſie un—gehenrer ſchädigend wirkt. Wir erziehen ſo eine Sorte von Men—ſchen, die ſehr viel zu wiſſen glauben und daher die Meinunghaben, ſie hätten es nicht mehr nötig, mehr zu lernen. Es entſtehteine gewiſſe Blaſiertheit, ein„Alles-beſſer-wiſſen-wollem“, das aufjeden objektiv denkenden Menſchen hemmend wirken muß. TDaberiſt es ſchade um dieſe Genoſſen, die ja oft genug ganz intelligentfind, dann aber aufhören, ſich weiter zu bilden und To verflachen.
Gewiß iſt es eine wichtige Aufgabe für uns, junge Kräftenachzuziehen, die in der Bildungsarbeit tätig ſind— aber dieſeGenoſſen ſollen nicht vergeſſen, daß Zeit und Entwicklung raſtlosvorwärts ſchreiten, und daß, wer auf einer beſtimmten Bildungs—ſtufe ſtehen bleibt, nmuturnotwendig von der Zeit überholt wird.Der junge Volksbildner hat aber mehr denn irgend jemand diePflicht, ſtändig an der Vertiefung ſeines Wiſſens zu arbeiten.
Gerade das Beſte Toll git genug ſein für uns— das jet derGrundgedanke, der bei unſerer Bildungsarbeit vorherrſchen ſoll.Doch auch hier kommt es wieder darauf an, wie das betreffendeThema den Zuhövern vorgebracht wird. Ein jeder, der ſich einiger—maßen mit dem Weſen der Bildungsarbeit beſchäftigt, wird ſichjagen müſſen, daß die Methode der geſchloſſenen Vorträge, wo derReferent eine geſchlagene Stunde— oder länger— zu den Zu—hörern ſpricht, einen völligen Bankerott erlitten hat. Wie könntees auch anders ſein! Da kommt ein Referent von irgendwo her,kennt ſeine Zuhörer von Haut und Haar nicht, weiß nicht, wasſie allgemein umd noch weniger, welche Vorkenntniſſe jeder ein—zelne beſitzt, wie ihre Auffaſſungsgabe iſt, und Toll fie damit, daßer ihnen irgend etwas vordoziert, über ein Gebiet belehren. Siewerden ihn gewiß am Ende beklatſchen, er wird vielleicht mitſeiner— Glanzleiſtung zufrieden ſein, aber ob er damit Bildungs:arbeit geleiſtet, iſt eine zweite Frage.
Nein, hier müſſen andere Methoden Platz greifen, wem poſiætive Reſultate erzielt werden ſollen! Da iſt es vorab nötig, daßjeder einzelne Zuhörer perſönlich intereſſiert wird an der Be—handlung einer beſtimmrten Frage, daß er gezwungen wird, ſelb—ſtändig über ſie nachzudenken. Das muß der Angelpunkt unſererArbeit werden: Die Leute zum Denken zu bringen. Nicht das iſtdie Hauptfache, daß ſie viel wiſſen— nachplappern kann auch einPapagei— jondern daß das, was ſie wiſſen, ſelbſterarbeitetesErgebnis eines eigenen Denkprozeſſes iſt. Denken, denken undnochmals denken— wie viel reicher wäre unſere Bewegung ankraftvollen Perſönlichkeiten, hätten wir es einmal To weit gebracht.
Freie Jugend Nr.]————
TDieſes Ziel erreichen wir aber nie und nimmer durch Vor—träge, in denen der Referent den Zuhörern alle Tenkarbeit ab—ninnnt, ſondern einzig in Diskuſſionen. Freilich nicht in plan—loſen Diskuſſionen, wo man irgendeine Frage anſchneidet unddann beliebig über die Geſchichte ſchwätzt, fondern in einer regel-recht geleiteten, wohl vorbereiteten Beſprechung eines Themas.Es ſoll wohl ein Referent da ſein, aber nicht er ſoll ſprechen, ſon=dern die Zuhörer veranlaſſen, ſelbſt zu reden. Seine Aufgabebeſteht darin, die Diskuſſion auf ein beſtimmtes Ziel zu lenken,zu verhindern, daß vom Hundertſtem ins Tanſendſte geſprungenwird, und nur dort eingreifen, wo er merkt, daß die Zuhörernicht mehr vorwärts können. Aber auch da ſoll er nicht gleichſelbſt die Frage klären, ſombern verſuchen, auf Umwegen vielleichtdoch zum Ziele gelangen. Ein Veiſpiel möge dies am beiten ver—anſchaulichen.
Wir ſprechen über die Aufgaben der modernen Arbeiter—bewegung. Ich frage:„Was iſt das Ziel des Sozialismus?“Nun bin ich aber gerade in einer neugegründeten Sektion, mogar keine Genoſſen ſind, die auch nur die geringſte Ahnung vonunſeren Zielen haben. Ich erhalte alſo keine Antwort. Dochwerde ich mich wohl hüten, nun ſelbſt die Antwort zu geben.O nein, ſo leicht ſoll ihnen die Sache nicht werden!
Ich laſſe alſo anſcheinend die Frage fallen und ſtelle ſoſorteine neue:„Wo arbeitet ihr?“ Fünf Stimmem auf einnialentworten:„In der Uhrenfabrit!“—„Schön, und wem ge—hört dieſe Fabrik?“ Der Name irgend eines Unternehmers wirdgenannt.„Und was erhält ihr für eure Arbeit?“—„10 RappenStundenlohn.“„Weshalb glaubt ihr wohl, daß der Fabrikherreuch arbeiten läßt? Damit ihr etwas verdient?“ So hell ſindſie nun ſchon und gleich wird gerufen:„Nein, ſondern damit eretwas verdient!“—„Arbeitet er ſelbſt?““— Nein!“«„Er erhältalſo einen Gewinn, ohne ſelbſt etwas zu tun. Iſt das gerecht?“— Nein!“
Waren es bisher Selbſtverſtändlichkeiten, die gefragt wurden,ſo entſteht eine neue Schwierigkeit, wenn ich mich erkundige, wasnnn zu tun ſej, um dieſes Unrecht zu beſeitigen. Es wird hinund her geraten, bis einer, der icon einmal etwas von einer Ge—werkſchaft hörte, erklärt, man müſſe mehr Lohn verlangen. Sofortverklärt ſtrahlende Zufriedenheit alle Geſichter, doch nicht lange.Denn ich frage, ob ſie glauben, daß ihr Unternehmer verhungernwiirde, wenn er 50h Ets. Lohn bezahlen müßte ſtatt bloß 10.„Das wohl nicht.“„Na alſo, die Geſchichte muß gründlichergemacht werden, was iſt zu tun?“ Keine Antwort. Neue Frage:„Ihr erhält für eure Arbeit offenbar weniger als ſie wert iſt?“
Ja!“„Wer ſackt den Profit ein?“„Der Jabrikbeſitzer.“
„Na alſo, der, dem die Fabrik gehört, der hat den Profit. Wasmuß deshalb geſchehen, wenn es dazu kommen ſoll, daß ihr nichtmehr ausgebeutet werdet?“
Man muß eine ſolche Unterhaltung ſelbſt miterlebt haben,um zu begreifen, welchen Wert dieſe Methode der Bildungsarbeitliat. Dieſe Ueberraſchung, die ſich auf allen Geſichtern malt, wennman ihnen die Idee der Aufhebung des Privateigentums auf dieeinfachſte Form reduziert, fie zwingt, dieſen Gedanken ſelbſt anszuſprechen, daß ſie ſich ſagen müſſen: es geht nicht anders. Es iſtfür ſie ein Erlebnis, gegenüber welchem die andere Art der Bil—dirngsarbeit ein bloßes Mitteilen dieſer Tatiache, und ſei es incinem noch ſo glanzvollen Referat, völlig bedeutungslos iſt.
Der Referent ſpricht zu den Zuhörern, ohne ihnen geit zugeben, die Sache zu überdenken in Bild jagt das andere undverdrängt es. Es geht wie in einem Kino, man freut ſich, wirdfür den Augenblick ergriffen und vergißt alles wieder, ſobaldder äußere Antrieb aufhört. Anders bei der Diskuſſion. DerLeiter betäubt die Leute nicht mit ſeiner Weisheit. jondern jprichimit ihnen, ſie gewinnen Zutrauen zu ihm und ſo reiht ſich, an—hand ihres eigenen Lebens ein Erlebnis an das andere, das näach—lültend wirken wird.
Gewiß, es geht langiam ſo. Man kann nicht mit der Entſtehung des Menſchengeſchlechtes beginnen, um nach einer Stundeſckon mitten im Sozialſtaagt zu ſein, aber es iſt das auch keinUnglück. Die Bildungsarbeit iſt eben keine Schnellſohlerei, ſon—dern will gründlich behandelt werden. Und je gründlicher esgeht, umſo ſchneller geht es auch. Denn ich wiederhole: Nicht dasWiſſen iſt die Hauptſache, ſondern das Denken. Nicht wer denKouf am meiſten vollſtopft., iſt der Kliinſte, jondern der iſt es, der