I. Zur Geschichte der Autographensammlungen.
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Flore stehenden zu Bologna und Paris: sie trugen nicht in dem Massewie jene den Charakter kosmopolitischer Lehranstalten, sondern mehreinen beschränkteren und provinziellen. Sie bedurften also auch nichteines so ausgedehnten und genau geregelten Handschriftenverkehrs.Die älteste deutsche Universität, Prag, gegründet 1347, hat in ihrenStatuten zwar keine ausdrücklichen Bestimmungen über den Hand-schriftenhandel aufzuweisen, doch gehörten die Handschriftenhändler,gleich den Abschreibern, Illuminatoren, Correctoren, Buchbindern,Besitzern von Bibliotheken (?), Pergamenthändlern, Apothekern , über-haupt Alle, die, wie sich die Statuten der Universität ausdrücken, vonihr lebten, zu ihren Untergebenen und waren der Jurisdiction und denAnordnungen des Rectors unterworfen 1 . Nach Prag ist Wien, gegrün-det 1365, die älteste deutsche Universität und zugleich diejenige,welche dem Handschriftenhandel die grösste Aufmerksamkeit geschenktzu haben scheint. Doch beschränkt auch sie sich ausschliesslich, mitUebergehung der ausdrücklich zum Behufe des Handels angefertigtenHandschriften, mit der Regelung der Commissionsverhältnisse. DasStationariat scheint entweder gar nicht oder doch nur in sehr beschränk-ter Weise ausgebildet gewesen zu sein. Die Stationarii sowie die Li-brarii gehörten auch in Wien zu den Untergebenen (Servientes) derUniversität und hatten in die Hand des Rectors gewissenhaftes Verhal-ten beim Kauf und Verkauf und bei der Preisbestimmung eidlich an-zugeloben. Die Stiftungsurkunde der Universität Heidelberg vom Jahre1386 nimmt dagegen ausdrücklich Bezug auf die pariser Statuten undsetzt fest, dass man sich in allen Fällen ganz nach diesen zu richtenhabe. Deshalb dürfte auch hier die Universität eine Aufsicht über denHandschriftenhandel geführt haben, da die Handschriftenhändler undAbschreiber ebenfalls zu den privilegirten Mitgliedern gehörten 2 . InBetreff der gleichzeitig und später entstandenen anderen deutschenUniversitäten mangelt es an speciellen Nachweisungen über die etwaigeOrganisation des Handschriftenhandels. Die einzeln wirkenden, zumTheil umherwandernden Abschreiber erhielten erst Bedeutung für denHandschriftenhandel, sobald sie im Stande waren, durch Zusammen-wirken ein grösseres Bücherquantum auf einmal in den Verkehr ge-langen zu lassen. Ein derartiges Zusammenwirken zeigt sich aber beim
1. W. W. Tomek, Geschichte der Prager Universität. Prag 1849. 8. S. 41.
2. F. Wilken, Geschichte der Bildung, Beraubung u. Vernichtung der alten HeidelbergerBüchersammlungen. S. 6. 7. 10.