I. Zur Geschichte der Autographensammlungen.
hat. Dagegen scheinen sie hier nicht das an anderen Orten mit dieserBezeichnung hauptsächlich verbundene Geschäft des Handschriften-verleihens getrieben, sondern sich sowohl mit dem commissionsweisenVerkauf von Handschriften, als auch mit dem von ganz neu gefertig-ten, selbst noch unrubricirten und ungebundenen, abgegeben zu ha-ben. Ob die Stationarii mit den anderen bei der Herstellung der Hand-schriften mitwirkenden Gewerben, wie in Paris, eine förmliche Cor-poration bildeten, lässt sieh zwar nicht mit Bestimmtheit sagen, istaber bei der Aehnlichkeit der Verhältnisse möglich genug, zumal auchder londoner Handschriftenhändler Piers Bauduyn zugleich als Buch-binder vorkommt 1 . Auch in London, im 14. Jahrhundert schon einerder blühendsten und bedeutendsten Handelsstädte, finden sich nichtallein Spuren eines wohl nur gelegentlich Seitens einzelner Kaufleutebetriebenen Handels mit Büchern, sondern auch wirklich Handschrif-tenhändler, Stationarii. Der eigentliche londoner Handschriftenhandelscheint sich übrigens bereits im 15. Jahrhundert in Paternoster Rowconcentrirt gehabt zu haben, noch heutigen Tags der Hauptsitz desenglischen Verlagshandels. Auch in Betreff Spaniens finden sich ei-nige Andeutungen über das Vorhandensein eines geschäftlichen Ver-kehrs mit Handschriften, doch beschränken sich dieselben nur auf eineStelle der Leges Alphonsinae 2 , worin ausschliesslich von dem Geschäftdes Verleihens der Handschriften die Rede ist. Hieran schliesst sichnun noch eine Notiz über einen einzigen wirklichen Handschriftenhänd-ler in Barcelona 3 .
Im Mittelalter scheint es nicht an Leuten gefehlt zu haben,welche Handschriften sammelten, die von ihren Verfassern auch selbstgeschrieben waren. In den Klöstern bewahrte man sie in der Näheder Heiligenreliquien auf. Dahin gehört z. B. Alcuin’s berühmte Bibel,welche im Jahre 1836 in einer Auction zu London für 1500 Pf. St. zu-geschlagen wurde. Die Bibliothek in Wien besitzt die 74 ersten, vonder Hand des Kaisers Maximilian I. geschriebenen Kapitel des „Teuer-dank“. In Fulda sieht man das Manuscript der vier Evangelien vonder Hand des heiligen Bonifacius. Das Museum zu London bewahrt
1. Knight, Ch., William Caxtoüj the first english printer. London 1844. 18. p. 20.
2. Dufresne Ducauge, Glossarium med. et iuf. latinitatis. Paris 1678. Fol. 3 Voll. s.art.: Statiouarius.
3. Bandiui, Codd. lat. Tom. III. p. 285. — Ueber Handschrifteuliäudler und Handschrif-tenverleiher vergl. die vortreffliche Schrift von A. Kirchhoff, die Handschriftenhändler desMittelalters. 2., umgearb. Ausg. Leipz. 1853. gr. 8., welcher diese Mittheilungen entlehnt sind.