I. Zur Geschichte der Autographensammlungen.
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liclies in Frankreich zu 1 und hat jetzt auch in andern Ländern die all-gemeinste Verbreitung gefunden, denn man sammelt in Deutschland 2 ,England 3 , Italien 4 , Portugal, Spanien, Belgien, den Niederlanden,Russland, Polen, Dänemark, Schweden, Norwegen und Amerika, jaselbst in China s .
1. Im Mai 1822 erschien in Paris der erste Autographenkatalog (von de Pixerecourt). VomMai 1822 bis zum Jahre 1835 einschliesslich fanden in Paris 46, von 1S36 bis 1S40 23, von 1841bis 1S45 39, von 1846 bis 1850 33 Autographenverkiiufe Statt, in welchen 58,000 Stuck unter denHammer kamen. Und diese Zahl, so gross sie ist, bezeichnet doch den kleineren Theil derAutographen, welche im Handel circuliren. Es wurden übrigens von 1836 bis 1840, also ineinem Zeitraum von 5 Jahren, fa3t eben so viel Autographen verkauft, als von 1822 bis 1S35,in einem Zeitraum von 14 Jahren. Vgl. Lalande et Bordier, Dictionnaire de pieces auto-graphes volees aux bibliotheques publiq. de la France etc. Paris 1851. 8.
2. Die erste deutsche Autographen-Versteigerung veranstaltete der Buchh. Franz Grafferin Wien 1838. Tn Leipzig fand die erste im Auctions-Institut des Buchh. T. O. WeigelMitte Sept. 1843 Statt. Hierauf wurde jährlich mindestens eine in derselben Anstalt abgehal-ten. Als die bedeutendste auf diese Weise verkaufte Sammlung ist die des Hofraths Falken-stein zu uennen, welche, aus 9176 Nummern bestehend, im April und Juni 1856 versteigertwurde. Später veranstaltete auch der hiesige Universiläts-Proclamator und Buchh. H. Hartungbesondere Autographen-Auctionen, bei dem u. a. die an 9600 Nummern zählende Sammlung desverstorbenen Ober-Postamts-Directors v. Hüttner im December 1854 und Februar 1855 unter denHammer kam. Auch in anderen deutschen Städten (Cöin, Frankfurt a. M., Halle u. s. w.)kamen in den letzten zehn Jahren mehrfach derartige Versteigerungen vor.
•3. In London kommen häufig Autographen-Auctionen vor.
4. Die italienischen Sammlungen sind nach dem „Journal des debats“ zahlreich und ge-wöhnlich interessant.
5. Der Chinese, welcher in der Kunst, durch Zeichen zum Geiste zu sprechen, etwas Gött-liches erblickt, hat vor jedem Geschriebenen eiue ausserordentliche Ehrfurcht, und wie ein Eu-ropäer eher Gold als ein Stück Brot zum Fenster hinauswerfen würde (?), so lässt der Chinesekein Stückchen beschriebenen Papiers verderben. Es kann daher nicht fehlen, dass bei einemVolke, dessen Religion in der Anbetung ihrer Altvordern besteht, der schriftliche Nachlass die-ser Götter als ein unmittelbarer Ausfluss ihrer Persönlichkeit wie etwas Heiliges betrachtet wird.Je seltener, berühmter und tugendhafter der Autor dann ist, um so kostbarer ist seine Hand-schrift. Einen grossen Antheil an dieser Verehrung des Geschriebenen tragt die Schreibkunstan sieb. Sie war anfänglich, als die andern Völker mit dem Worte Autograph kaum einen Be-griff verbanden, mehr eine Hieroglyphenschrift. Thiernamen wurden meist durch ihre Zeich-nung ausgedriiekt, wie in unsern Wappenbildern. Vermochte nun ein Kalligraph seine Schrei-berei recht zierlich anzufertigen, so wurden seine Schriften als Facsimiles auf Stein und Bronzenachgemacht und vervielfältigt. Einen ausserordentlichen Aufschwung erhielt diese Literaturdurch die Erfindung des Papiers und die Verdrängung des Stahlgriffels durch den Pinsel. Baldhorte man auf, sich genau an die Formen und die Aehnlichkeit des Gegenstandes zu halten,und es genügte zarte Behandlung bei scharfen Umrissen, um in den Ruf eines geschickten Pin-sels zu kommen, d. h. so viel als eines grossen Gelehrten. Denn im himmlischen Reiche istdas Schönschreiben nicht blos eine Kunst, sondern eine Wissenschaft. Wer daher Mitglied derAkademie zu Peking werden will, den examinirt der Kaiser in eigener Person, wie viel Stricheund wie zierlich der Aspirant sie fertigt. Ein Han-lin, d h. Akademiker, gilt dann stets füreinen Studirten, einen Schriftsteller und Schönschreiber zugleich.
Die Chinesen sind in ihre Schreiberei so verliebt, dass sie die Gewohnheit haben, das Innereder öffentlichen Gebäude mit mehr oder minder riesenhaften Buchstaben auszuschmücken, diesich wegen ihrer Eleganz in einer gewissen Entfernung gar nicht übel ausnehmen. So ist derberühmte Palast des Mandarinen Pansetchen , eine Meile von Kanton, in welchem alle jene Trac-tate mit dem Vicekönig Ki-Iu, dem Oheim des regierenden Kaisers, geschlossen worden sind,mit dergleichen Charakteren von der Hand der berühmtesten Schreibkünstler ausgeschmückt.Ebenso besteht der einzige Schmuck des grossen Tempels des Konfutse in Pecking in solchen
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