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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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I. Zuv Geschichte der Autographensainnilungen.

Der wachsende Sammeleifer musste den Autographen nothwendigauch einen commerziellen Werth verschaffen. Dieser hat sich bis heute

Inschriften welche von der Hand der seit 2000 Jalircn regierenden Kaiser herrühren. VouKon-futse selbst besitzt man keine Handschrift, obwohl es dergleichen noch von 200 Jahren früher(also 700 v. Chr.) gibt. Die Verehrung des Konfutse ist übrigens so gross, dass trotz allerStürme und Umwälzungen im ganzen Reiche niemals ein Tempel, der ihm geweiht war, ver-letzt worden ist, und während in Europa jeder Sieger seine Bahn mit den Trümmern der be-siegten Städte bezeichnete, hat man in China nie von einer Entweihung des grossen Philosophengehört; eher veTgriff man sich an den buddaschen Pagoden des indischen Gottes Fo.

Die angeborene Ehrfurcht der Chinesen für ihre Herrscher macht deren Autographen un-schätzbar; dazu kommt, dass die mit rother Dinte, dem kaiserlichen Schreibmaterial, geschrie-benen Befehle am Schlüsse jedes Jahres wieder ins Archiv eingeliefert werden müssen ; unfehl-bare Absetzung würde den Beamten treffen, der ein solches Manuscript abhanden kommen Jiesse.Daher kommt es, dass ein Paar Worte des Kaisers Kang-hi, eines Zeitgenossen Ludwigs XIV.,welcher beim LeveT seinen Höflingen auf ihr Befragen nach seinem Befinden mit rother Dintedie Antwort schrieb: ,,Se. Majestät befinden sich wohlmit 1000 Fr. bezahlt werden. EinManuscript, wie ich es besitze und welches ein Liebesgedicht des Kaisers Siuen-Tsoung enthält,ist in den Augen eines Chinesen unschätzbar. Der Reiche wie der Aermste breitet mit Stolzseine Autographenschätze aus, und das höchste Ziel Beider ist, ein oder zwei Worte, welcheein Kaiser an einen Vornehmen, einen Beamten oder Künstler als Aufmunterung gerichtet hat,zu besitzen. Da es aber nicht Jedermanns Gabe ist, grosse Briefe zu schreiben, so begnügtman sich mit einigen Worten auf dem Fächer. Dieser Fächer ist ein integrirender Theil desChinesen; es mag kalt oder warm sein, regnen oder schneien, immer muss der Fächer dabeisein. Und welche süsse Rache gewährt es nicht, wenn man gern einen Feind ärgern möchte,und gleichsam ganz absichtslos den Fächer öffnet und ihn einige Worte sehen lässt, die irgendein Grosser des Reichs ganz besonders darauf geschrieben hat, so dass der Andere vor Neidbersten möchte 1

Es ist natürlich, dass es auch nicht an Fälschungen solcher Autographen fehlt, und unzäh-lige Facsimiles müssen dem Armen den Mangel der Originale ersetzen. Diese Nachdrücke sindbei der Geduld der Chinesen so geschickt gemacht, dass ein geübtes Auge dazu gehört, umsich nicht anführen zu lassen. Wie weit ihre Kunst geht, möge folgendes Beispiel lehren. Alsdie Tataren die Dynastie der Ming stürzten, war der Vicekonig von Kanton, Tschen, seinemfrühem Souverain treu geblieben; sobald er daher seinem neuen Herrscher in die Hände fiel,wurde er vernrtheilt, lebendig zersägt zu werden. Sein Heroismus mitten unter den fürchter-lichsten Qualen machte ihn so populär, dass der neue Kaiser es für gerathen fand, seine Hin-richtung zu desavouiren, ihn unter die Heiligen zu versetzen und eine Pagode in Kanton zuerrichten. Ein Autograph von ihm war daher ausserordentlich gesucht. Ein Mitglied unsererGesandtschaft besass vier derselben und batte sie an die Wand gehängt, als eines Tags einchinesischer Künstler sie erblickte und unter dem inständigsten Flehen bat, man möge sieauf einen Tag zur Hochzeit seines Sohnes ihm leiheu. Wirklich brachte er sie nach dem Festezurück; allein es waren Abschriften, aber so geschickt, dass der Eigenthüuier sie nicht erkannthätte, wenn er sich nicht gewisse Zeichen an den Originalen gemacht hätte. Auf das Bittendes seltsamen Autographensammlers zeigte er den Betrug nicht an, denn er würde die Basto-nade nicht ausgehalten haben. Das Verfahren bei dergleichen Nachdrücken ist folgeudos: DasAutograph wird auf einen polirten Stein aufgeleimt und dann werden genau die Schriftznge ein-gegraben; der Steiu wird dann mit einem dintegeträukte» Pinsel gebürstet und es werden belie-big viele Abdrücke gemacht, die sich durch ausserordentliche Schärfe und Genauigkeit auszeich-nen. Das Autograph geht durch dieses Verfahren freilich verloren, allein der Chinese wirddurch die Vervielfältigung hinlänglich entschädigt. Auf diese Weise hat mau ganze Werke,welche die Haudschrifteu aller Notabilitäten einer Periode enthalten, so z. B. die der DynastieTang im 7. und 8. Jahrhundert und die der Dynastie Soung. Das seltsamste Werk ist das einesgewissen Tschanpao, welcher sämmtliehe schöne Aussichten und Autographen, die er auf einerReise durch China fand, auf seine Kosten lithographiren liess, was ih m fas t 40,000 spauischePiaster kostete. In Ermangelung von Papier müssen Gold, Bambus, Holz, Porzellan und selbstdie Theetassen herhalten.