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Handbuch für Autographensammler / bearbeitet von Dr. Joh. Günther und Otto Aug. Schulz ; mit Holzschnitten und einer colorierten Tabelle
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II. Natur der Autographen. Autographenfälschungcn.

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immer die unterschiedlichen Conturen einer originellen Handschriftnachzuahmen verstehen. Man findet gewöhnlich in der Kopie etwasGezwungenes und Abweichungen , die ein geübtes Auge nicht täuschen.Die Uebereilung, die Angst, das Modell unvollkommen nachzuahmen,helfen den Betrug enthüllen.

Unter den Verfahrungsarten, die man noch anwenden kann, willich folgende hervorheben:

Man muss die Aehnlichkeit oder den Unterschied des Styls un-tersuchen, die Orthographie, die Interpunction u. s. w. u. s. w. be-achten.

Das Datum und der Inhalt einer Handschrift sind gleichfalls vonBedeutung.

Man muss sich ferner überzeugen, ob der Briefschreiber zu jenerZeit einen solchen Brief schreiben oder einen derartigen Stoff behan-deln konnte.

Ausserdem sind das Monogramm 1 , die Signatur 2 , der Federzugdes Namens bisweilen von Entscheidung.

Ebenso muss man die grösste Aufmerksamkeit auf das Wappenoder das Bild des Siegels und auf die Art der Versiegelung richten 3 .

1. Der Erste, welcher ein Monogramm in Urkunden gebraucht hat, ist der ostgothischeKönig Theodorich. Vgl. J. Ch. Gatterer, Abriss der Diplomatik. GÖttiugen 1798. 8. S. 121.

2. Karl V. bediente sich bei Ausfertigungen sehr häufig auch der Stampille oder des Stem-pels. Vgl. Oelrichs, Commentatio de Stampilla diplomatica. Buezovii 1762. Fol. Seit Lud-wig XIV. liessen die Könige minderwichtige Dinge von den Premierministern ihre Namen un-terzeichnen.

3. In Europa siegelte man seit den ältesten Zeiten mit Wachs und Lucian gedenkt be-reits der Wachssiegel. Einige halten die Siegel von weissem Wachs für die ältesten und manfindet dergleichen bis auf die Zeiten des Kaisers Friedrich III., der 1440 zur Regierung kam.Beckmann glaubt, dass wenigstens Privatpersonen, wegen des geringen Preises des gelbenWachses , in Europa zuerst und am häufigsten damit gesiegelt hätten. Nach Anderen bedientensich erst seit dem 12. Jahrhundert die Kloster und Privatpersonen der Siegel von gelbem Wachsund seit dem Kaiser Sigismund, welcher 1411 den Thron bestieg, bedienten sich ihrer auch dieFürsten. Mit der Zeit färbte man das Wachs roth. Siegel von rothem Wachs brauchte schonKaiser Friedrich I., welcher 1152 zur Regierung gelangte, seit 1273 Rudolph I. und unter Si-gismund erhielten auch die Fürsten die Vergünstigung, roth siegeln zu dürfen. Im 14. Jahr-hundert fing man an, das Wachs grün und zuweilen schwarz zu färben; Siegel von grünemWachs waren aber in Deutschland noch selten; in England uud Frankreich kamen sie frühervor. Zn Ende des 14. Jahrhunderts legte man bereits Verwahrungsdecken auf die Kapselsiegelund wahrscheinlich entstanden hieraus die Siegelüberzüge von Papier. 1427 gebrauchten dieHansestädte Siegel, deren Stempel ins Papier gedrückt war uud schon einige Zeit vorher warendergleichen Siegelüberzüge bei ihnen gewöhnlich. Aber auch die Siegel von Gold, Blei uud an-deren Metallen sind sehr alt. Der bleiernen Siegel bedienten sich bereits die römischen Kaiserbei ihren Verordnungen von Trajan bis Justinian (98127) und bei den päpstlichen Bullen fin-det man bleierne Siegel vom 3. bis auf das 12. Jahrhundert. Der Kaiser Karl IV., welcher1349 zur Regierung kam, gab noch häufig Siegel von Metall. Das Majestätssiegel, worauf einRegent auf dem Throne sitzend mit den Reichsiusignien abgebildet ist, hat Heinrich II. imJahre 1002 zuerst gebraucht und Heinrich IV., welcher 1056 auf den Thron gelangte, soll es