40 II. Natur der Autographen. Autographenfälschungen.
Auch von den Gedichten aus Schiller’s zweiter Periode haben dieGerstenhergk’schen Autographen den späteren Charakter der Hand-schrift. Da Schiller einen Theil der Gedichte dieser Zeit nochmals mitAenderungen in die Leipziger Ausgabe seiner Gedichte (1799 u. ff.)aufgenommen, könnte die Beziehung ihrer Autographen auf diese Zeitden Yerdachtsgrund aus dem späteren Charakter der Handschrift zuentfernen scheinen. Diese scheinbare Rechtfertigung ist aber nicht an-wendbar auf 9 Nummern: theils weil sie die ursprüngliche Gestalt derGedichte, nicht die veränderte, geben, theils weil sie Schiller in dienachmaligen Gedichtausgaben aufgenommen hat.
Das zweite allgemeine Merkmal der Fabrikmässigkeit ist der Um-stand, dass fast alle diese angeblichen Autographen die Unterschriftmit dem Namenszug oder dem ausgeschriebenen Namen Schiller’s ha-ben, nicht blos, wie natürlich, die Briefe und Billetchen, sondern, mitwenigen Ausnahmen, die Gedichte, Epigramme, Gedichtbruchstücke,ja selbst prosaische Excerpte. Dies macht sie in hohem Grade ver-dächtig. Die Jugendgedichte in der Anthologie hat Schiller nicht mitseinem Namen, sondern mit Chiffern (darunter auch die Semele) unter-zeichnet, desgleichen die Aufsätze im Repertorium. Die Originalma-nuscripte aller dieser für den ursprünglichen Druck hatten also dieNamensunterzeichnung nicht. So auch nicht manche Gedichte in denHoren. Die Xenien und Votivtafeln wurden ebenfalls bei ihrer ur-sprünglichen Erscheinung im Musenalmanach 1797 nicht im Einzelnenunterzeichnet; von .den einzelnen sollte der Verfasser unbestimmt blei-ben, nur am Ende, nach der ganzen Folge, stand: G(oethe) undSch(iller). Von allen diesen können also die Gerstenbergk’sehen Ma-nuscripte nicht die für den ersten Druck sein, aber auch nicht für denspätem der Gedichtausgaben Schiller’s. Es setzt ja kein Schriftstellerin einer Sammlung seiner Gedichte oder Aufsätze immer wieder unterdas einzelne Stück seinen Namen, der ein für allemal auf dem Titelsteht. Auch die zur Handsammlung für den Privatgebrauch aufge-schriebenen und zusammengelegten Gedichte pflegt man nicht jedesbesonders mit dem Namen zu unterzeichnen. Hierzu ist nur dann Ver-anlassung , wenn das Product in einer Zeitschrift oder Blumenlese ein-zeln, zwischen den Gaben Anderer, seinen Verfasser unterscheidensoll, oder wenn es als persönliche Zuschrift an Jemanden gerichtet ist.Der Vorrath bei den Akten enthält über 100 Epigramme, meist mitSchiller s Unterzeichnung, einige 40, zum Theil ganz kleine Bruch-