IV. Nutzen der Autographen.
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„Das Schreiben ist eine nach Regeln bestimmte Bewegung derFeder“. Dieser Einwurf schränkt sich fürs Erste gleich dahin ein, dassdas Schreiben eine nach Regeln bestimmte Bewegung der Hand ist,mit der und durch deren Führen der Feder der Buchstabe hingemaltwird. Die Feder verhält sich also ganz leidend dabei und muss nurder Bestimmung der Hand folgen. Uebrigens aber, so bestimmt auchdie Regeln der Bildung des Buchstabens sind, so viel Arten sind auchwieder möglich, diese Regeln zu vollstrecken. Giebt es nicht tausendLinien in die Höhe, jenachdem sie von der Perpendicularität abwei-chen, rückwärts oder vorwärts sich neigen, — giebt es nicht tausendmögliche Verbindungen der Buchstaben unter einander, rund, ge-schärft, spitzig, abgebrochen, oder wol gar keine, jeder einzelnisolirt von dem andern? Giebt es nicht Züge und Verzierungen derBuchstaben, die mehr willkürlich, als bestimmt sind? — Das Mecha-nische, das das Schreiben zu haben scheint, fällt also ganz weg undwird mehr ein nach dem Nervensystem der Hand sich richtender Aus-druck im Buchstaben. So wenig wirklich der Tact, das Pas eines jedenTanzes das Charakteristische des Ausdrucks einer jeden Tänzerin ver-steckt und zu einer mechanischen Bewegung des Fusses macht, sowenig macht auch die Vorschrift des Buchstabens die tausend Mög-lichkeiten, ihn nach dem Charakter des Nervens zu bilden, unmöglich.
„Jeder bildet sich nach seinem Schreibmeister“. Lasst hundertKinder bei Einem schreiben lernen und seht nach 4, 8, 10 Jahrenihre Handschriften an, glaubt ihr dann wol noch viel Aehnlichkeitmit ihrem ehemaligen Schreibmeister zu finden, viel von der Bildung,die einst von ihm ihren Buchstaben vorgezeichnet worden ist? Derharte, feststehende, perpendiculäre Buchstabe des mechanischen Schreib-meisters wird unmöglich der Buchstabe des Nervenschwachen, des em-pfindsamen Dichters werden können, trotz alles Unterrichts nicht dasHarte, Mechanische der Vorschrift die Handschrift der weicheren Mäd-chen, die sich nach ihr bilden sollen. Der Schreibmeister thut weiternichts, als dass er die Art, die Zeichen zu machen, lehrt, wodurchWorte geschrieben werden. Weiter thut er nichts; er ist nicht imStande, bis zur einzigen Nachbildung seines Buchstaben zu tyrannisi-ren. — Freilich fällt die Möglichkeit einer Charakterbestimmung ganzweg bei dem Kinde, das jetzt unter der Zucht des Schreibmeisters stehtoder nur seiner Hand entlaufen ist, sowie der Charakterausdruck desTemperaments in dem ängstlichen Tanze des Kindes nicht möglich