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IY. Nutzen der Autographen.
ist, ehe es das steife Pasmachen des Tanzmeisters verlernt und durchUebung sich von dem Blick auf die Fiisse gewöhnt hat.
„Jeder Buchstabe hat seine bestimmten Grenzen“. Wer setzt ihmdiese Grenzen? Gewiss ihrblos, die ihr mir dieses einwendet. Ichfinde wenigstens keine Grenzen beobachtet in den Buchstaben desSanguinikers, nicht dieselben in denen des Cholerikers, noch wenigerdie nämlichen in denen des Phlegmatikers oder Böotiers. Jeder setztsich seine eigenen Grenzen, macht sich seine eigenen Formen, seineeigenen Zusätze durch Züge, seine eigenen Abkürzungen, kurz seineeigene Bearbeitung des Buchstabens. Eben diess ist ein Beweis, weiljeder Buchstabe gewisse Grenzen haben sollte, aber sie nicht hat, dassUrsache, physische Ursache des Körpers, des Nerven, des Tempera-ments, das auf die Seele Einfluss hat, da sein müsse, welche dieseGesetzlosigkeit hervorbringe , — eben die Ursache , welche in der Ma-lerei den verschiedenen Styl und den verschiedenen Umriss bildet.
„Wieviel kommt allein nicht auf die Feder an?“ Nicht mehr alsauf den Pinsel, der die Empfindungen des Malers auf der Leinwandlebendig darstellt, und noch weniger, da der Schnitt der Feder selbstvon der Hand des Schreibers abhängt, aber der Pinsel das Verdienstdes Handwerkers ist, der sie alle nach einer Regel, nach einer mecha-nischen Routine macht, ohne auf den Maler zu sehen, der ihn brau-chen wird. Freilich mit einer verdorbenen Feder kann die Handschriftnur halb und wenig charakteristisch werden, wie mit einem verdorbe-nen Pinsel das Gemälde eines Malers oder mit einer abgestumpftenReissfeder das Porträt eines Menschen. Ist dieses aber gut, was solles hindern, dass sich das Charakteristische des Menschen von demNerven der Hand mittelst der Feder in dem Buchstaben herabsenke?Wie der Maler, so das Gemälde, wie der Schreiber so seine Handschrift.
„Ein Mensch unter Ludwig XIV. konnte aus der des Königs seinersehr ähnlichen Schrift eines Grafen mit Zuverlässigkeit schliessen, dassder Schreiber ein sehr verächtlicher Kerl sei 1 .“
Dies ist ein Erfahrungsbeweis, der freilich wenig gelten darf undwenig gilt, denn es gab auch Wahrsager und Sterndeuter!
Wie jeder Mensch nur eine Physiognomik hat, so hat er auch nureine Handschrift — wie nur einen Charakter, so auch nur einen Aus-druck desselben. Diese verändert sich ebenso oft als jene, hat eben-sowohl, als j ene, ihre physischen Zeichen der Kindheit, Jugend, Mann-
1. Sulzer’s Vorübung S. 363. 364.