IV. Nutzen der Autographen
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heit und des Greisenalters. Diese ist ebenso schwer zu verstellen, alsjene; wie hier immer die Grundphysiognomik bleibt und nur die be-weglichen Muskeln und Nerven anders gefaltet werden können, alsdie innere Empfindung will, so bleibt auch gewiss hier bei aller Ver-stellung der Grundcharakter der Handschrift, obschon durch erzwun-gene und verstellte Züge verdunkelt. Ich habe immer gefunden, dassdas Vermögen der Verstellung der Handschrift mit dem der Verstellungdes Charakters und des Gesichts gleichen Schritt geht. Beides setztbewegliche Nerven, geschmeidige Muskeln, die nicht an eine Bewe-gung gebunden sind, voraus — Beides also physisch sich nicht wider-sprechend, sondern mit einander übereinstimmend. Hundert will ichdaher nehmen, die ihre Handschrift ebenso wenig ganz sollen verstel-len können, so wenig sie ganz den täuschenden Schmeichler und Ver-steller ihrer Empfindung vor dem Kenner sollen spielen können — undnur den Hundertundersten erst nehmen, der Beides chamäleonischtäuschend vielleicht unter anderen Farben wird verstecken können.Je mehr der Mensch daher zu jedem Ausdruck sich stimmen, je mehrer Schmeichler und Hofmann sein kann, desto besser kann er diesesund jenes, Handschriften und Gesicht verziehen und verstellen. Briefe,Handschriften nachmalen, war dies wol je mehr in Gebrauch als beiKabalen der Höfe? Und auch hier wie schwer, Hände nachzubilden!Ebenso schwer, als sich in die Empfindung des Anderen zu versetzen.
Monate lang anhaltende Uebung gehört dazu, der grösste Fleiss,das Charakteristische einer anderen Handschrift abzulernen und nach-bilden zu können. Ein neuer Beweis ist mir dies, wie wenig willkür-lich die Zeichnung der Buchstaben ist und wie genau mit der Nerven-modification und mit dem denkenden Charakter zusammenhängend,da es bei aller Mühe seine Hand zu verstellen so schwer ist. Nur mitdeinem Charakter legst du die Handschrift ab, sowie nur mit deinerNervenmodification deinen Charakter.
Die Anthropologie hat noch keinen sicheren Maassstab, wonachsie die Reizbarkeit, Empfindlichkeit desNervens bestimmen und hierausdie Empfindlichkeit des Charakters angeben könne. Ich glaube, dassdie Handschrift wol der sicherste, bestimmteste und zugleich sinn-lichste Maassstab dafür sein könnte, — sicherer weniger täuschendals, wie Lavater will, das Haar, wobei das Gefühl so täuschend unddas Auge bei der Vergleichung so wenig bestimmt entscheidend seinkann. Die vielen Nerven, welche die Hand umgeben, und die fast
Günther , Handbuch f. Autographensammler. /